2022-01-05T09:42:31+0000

BFL: „Chancen und Risiken liegen eng beieinander“

Der Präsident der Bundesfachgruppe der Fahrzeuglackierer, Paul Kehle, nennt in seiner Stellungnahme für das Jahr 2022 neben Rechnungskürzung, drohende Insolvenzen oder wachsendem administrativen Aufwand auch den Fachkräftemangel als eine zentrale Herausforderung für die Betriebe. Zudem ist er überzeugt, dass die Werkstätten ihre vorhandenen Kompetenzen weiterentwickeln und stärken sollten. __Wo sehen Sie kommende Herausforderungen für die K&L-Betriebe 2022? Worauf kommt es an, damit sich Unternehmen in Zukunft besser aufstellen können? __ Eine der größten Herausforderungen sehen wir im Nachwuchs- und Fachkräftemangel. Solange wir in manchen Regionen in Deutschland mit der Industrie konkurrieren müssen und zu wenig Aufklärungsarbeit bei der Berufsberatung zugunsten des Handwerks unternommen wird, werden junge Menschen einen anderen Berufsweg einschlagen. Wir befinden uns in einem rasanten Umbruch. Die fortschreitende Digitalisierung und Investitionen in modernste Technik sind neue Herausforderungen, mit denen sich Handwerksbetriebe auseinandersetzen müssen, wenn sie in Zukunft bestehen wollen. Investitionen in Mitarbeiterausbildung und technisches Know-how sind unumgänglich. Chancen und Risiken liegen eng beieinander. Aus diesem Grund blicken wir optimistisch in die Zukunft! Wir müssen unsere vorhandenen Kompetenzen weiterentwickeln und stärken und diese auch nicht von Dritten, wie beispielsweise von Schadensteuerern oder Versicherern, absprechen lassen. Wir sind diejenigen, die die Fahrzeuge reparieren. Wir sind die Fachleute. Wir entscheiden über den Reparaturprozess. Eine Einmischung von nicht direkt am Reparaturprozess beteiligten Akteuren, wie beispielsweise Prüfdienstleistungsunternehmen, die uns vorschreiben, was der angeblich richtige Reparaturweg ist, bezeichne ich als anmaßend und unakzeptabel. Wir sind diejenigen, die nach Abschluss der Reparatur unsere Arbeit nachkalkulieren. Wir prüfen, ob die vorgegebenen und vorkalkulierten Arbeitswerte (AW) realistisch und alle Arbeitsschritte erfasst sind. Die ungerechtfertigte Kürzung von AW und die zeitraubenden Diskussionen mit den Schadensteuerern muss ein Ende haben. __ Wie schätzen Sie die Zunahme von Kosten- und Renditedruck in der Zukunft ein? __ Der Kosten- und Renditedruck steigt von Jahr zu Jahr! Wir erfahren aktuell drastische Preiserhöhungen im Bereich Energie, Lack und Lackzubehör; aber auch die Kosten für Fortbildungen der Mitarbeiter, Investitionen in Betriebsaustattungen durch neue Technologien, die verhängten Corona-Schutz-Maßnahmen sowie Tariferhöhungen bestimmen unseren Alltag. Fraglich ist allerdings das Umlegen der Preissteigerungen, solange wir täglich mit willkürlichen Rechnungskürzungen zu kämpfen haben. Ein Umdenken bei der Betriebsführung und bei betrieblichen Prozessen trotz gleichbleibenden Qualitätsstandards wird unumgänglich sein. Allerdings ist zu bedenken: Jeder Prozessoptimierung müssen Investitionen vorgeschaltet werden. __Sind die Werkstätten ausreichend auf Transformationsentwicklungen wie etwa zunehmende Fahrassistenzsysteme und Elektromobilität vorbereitet? __ Wir Fahrzeuglackierer sind mehr als nur Reparateure. Wir arbeiten in einem hochinnovativen Handwerk und unsere Betriebe sind auch entsprechend ausgestattet. Im Gegensatz zu Markenwerkstätten müssen unsere Mitarbeiter alle Fahrzeuge – egal welchen Typs – in derselben Qualität nach Herstellervorgaben reparieren, was für uns
Inhaber enorme Weiterbildungs- und Schulungskosten bedeutet. Trotz der hohen Anforderungen und steigender Kosten sind wir bestrebt, allen Entwicklungen und Anforderungen im Bereich zukünftiger Antriebstechnologien in Richtung autonomes Fahren gerecht zu werden. Als freie Werkstätten müssen wir uns breiter aufstellen, um sämtliche Fahrzeugmodelle reparieren zu können. Das ist unser Vorteil gegenüber herstellergebundenen Markenwerkstätten. Selbst wir sollten den rasanten Entwicklungen mit möglichen Kooperationen innerhalb unseres Werkstattnetzes begegnen. Einigkeit und Respekt innerhalb der reparierenden Branche ist zielführend, um mit der rasanten technologischen Entwicklung Schritt halten zu können. __Wie beurteilen Sie die derzeitige Marktlage im Unfallreparaturgeschäft generell und mit Blick auf die Schadensteuerung? __ Im Moment läuft die Schadensteuerung schleppend – was auf die aktuelle Corona-Lage zurückzuführen ist. Weniger Fahrzeuge – weniger Unfälle, vor allem von den Flottenbetreibern. Wir erwarten, dass diese Situation noch weiter anhalten wird. Allerdings rechne ich auch mit einer Zunahme der Schäden bei denjenigen Unternehmen, die den Preisdruck der Versicherer und Schadensteuerer annehmen und auf günstigere Konditionen eingehen, was mir völlig unverständlich ist. Steigende und bereits hohe Ersatzteilpreise sollen bei freien Werkstätten mit niedrigen Stundenverrechnungssätzen gegenüber markengebundenen Reparaturwerkstätten kompensiert werden. Wie sich diese über Jahre praktizierte Situation auf unsere Betriebe generell auswirken wird, gerade in Bezug auf die Stundenverrechnungssätze, ist noch nicht absehbar. Eins ist aber klar: Mit einem nicht der Leistung entsprechenden Stundenverrechnungssatz können im Unternehmen keine Rücklagen für anstehende Investitionen gebildet und für den Reparaturprozess erforderliche Fachkräfte entlohnt werden. __Rechnen Sie im Jahr 2022 mit vermehrten Insolvenzen und Betriebsaufgaben in unserer Branche? __ Das kann man so pauschal nicht beantworten und ist auch regional unterschiedlich zu bewerten. Wir beobachten allerdings, dass viele größere Industrieunternehmen der Automobilbranche in der Nähe eines Lackierbetriebs den Fachkräftemarkt stark beeinflussen. Handwerker und Fachpersonal werden gezielt abgeworben. Auszubildende sind hier schwerer zu finden und zu mobilisieren. Hier muss seitens der Schulen in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt für den Bereich der Berufsorientierung viel mehr unternommen werden. Das bereitet unseren Betrieben Zukunftssorgen. Zudem sehen wir eine Übernahme von Betrieben durch Holdings, die keinen Nachfolger finden. Häufig werden die Betriebe dann abgewickelt oder umgewandelt und gehören einer Reparaturkette an. Unser Problem: Das Handwerk bildet aus, die Industrie ist häufig der Nutznießer. Die finanziellen Leistungen, die Handwerksunternehmen gegenüber industriell geführten Unternehmen aufbringen müssen um Fachkräfte zu halten, sind für Handwerksbetriebe schwerer zu leisten. Deshalb haben Betriebsinhaber für die Fortführung des eigenen Unternehmens meist leider keine Nachfolger. Dabei spielen die bereits erwähnten Argumente im Zusammenhang mit der Schadensteuerung bezugnehmend auf Kürzungen und niedrige Stundenverrechnungssätze eine ausschlaggebende Rolle. Die nachfolgende Generation hat darauf einfach keine Lust. Der eigentlich ursprünglich erlernte Handwerksberuf mit der Intension Dienstleister zu sein, wird zur Nebentätigkeit. Administrative Dinge stehen im Vordergrund und bestimmen leider den Alltag. __Worauf kommt es jetzt an, wenn sich Unternehmen besser aufstellen wollen? Und wie unterstützen Sie mit Ihrem Verband die K&L-Betriebe konkret? __ Die Bundesfachgruppe Fahrzeuglackierer (BFL) im Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz ist die Interessenvertretung und somit der erste Ansprechpartner für die Innungsfachbetriebe. Wir unterstützen die Betriebe mit unserem Beratungsportfolio bei ihrer täglichen Arbeit. Durch das Mitwirken der BFL in verschiedenen Institutionen vertreten wir uneingeschränkt die Belange unserer Mitglieder und betrachten und beurteilen Prozesse aus der Sicht der Anwender fachlich und kompetent. Diese Ergebnisse geben wir uneingeschränkt an unsere Mitglieder weiter. Eine sehr gute Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt ermöglicht es, gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen in der Öffentlichkeit aufzutreten und Gehör in der Branche zu finden. Wer konkrete Hilfestellung benötigt, kann sich stets an die kompetenten Fachleute einschließlich einer Rechtsberatung der BFL wenden. Das ist der Vorteil der Mitgliedschaft. Auch im Jahr 2022 stehen wir unseren Mitgliedsbetrieben mit Rat und Tat zur Seite.
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