2021-08-04T11:42:28+0000

Beschäftigungswachstum setzt sich fort – Fachkräftemangel spitzt sich weiter zu

Unerwartet gute Ergebnisse konnte die Bundesagentur für Arbeit am vergangenen Donnerstag (29.07.2021) vermelden. Denn anders als sonst im Juli üblich, ging die Zahl der Arbeitslosen im vergangenen Monat weiter deutlich zurück, und zwar um 24.000 auf jetzt 2.590.000. ## Arbeitslosenzahl sinkt gegenüber Vorjahreswert um die Hälfte Gegenüber dem Negativrekord vom Juli des Vorjahres, als die Folgen der Pandemie maximal auf den Arbeitsmarkt durchschlugen, ist die Arbeitslosenzahl somit um 320.000 gesunken. Knapp die Hälfte der Auswirkungen der Corona-Krise konnte der Arbeitsmarkt damit in den letzten zwölf Monaten wettmachen. Weiterhin klafft gegenüber dem Vorkrisenniveau aber eine Lücke von 316.000 Personen, welche infolge von Covid-19 ihre Arbeitsplätze verloren. Dies entspricht 0,7 Prozentpunkten bei der Arbeitslosenquote, die – bereinigt um saisonale und irreguläre Einflüsse – im Juni bei 3,7 Prozent lag. Die Nachfrage nach neuem Personal zog ebenfalls deutlich an. So kletterte der entsprechende BA-Stellenindex-Indikator (BA‑X) um 7 Punkte auf 121 Punkte und übertrifft damit nicht nur den Juli-Wert aus dem Jahr 2020, sondern auch den vom März. Dies war der letzte Berichtsmonat, bevor sich die Eindämmungsmaßnahmen auf dem Arbeitsmarkt niederschlugen. Ebenfalls kräftige Zuwächse konnte die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung verzeichnen. Nach Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit bis einschließlich Mai wurde hier ein Anstieg um 31.000 registriert, nach 7.000 im April. ## Leichter Anstieg bei Kurzarbeit im Juli Entgegen dem allgemeinen Trend stiegen die Anzeigen für Kurzarbeit zwischen dem 1. und dem 25. Juli wieder etwas an. Waren im Juni noch 59.000 Anzeigen bei der Bundesagentur eingegangen, erhöhte sich diese Zahl im Folgemonat auf 75.000 Personen. Die derzeit noch niedrigen Inzidenzwerte legen die Vermutung nahe, dass der Anstieg nicht mit dem Pandemiegeschehen zusammenhängt. Eine mögliche Ursache dürften vielmehr die Lieferengpässe bei der Materialversorgung in verschiedenen Industriebranchen sein, die daraufhin ihre Produktion drosseln. ## Lieferengpässe und Fachkräftemangel trüben Zukunftsaussichten Diese anhaltenden Lieferschwierigkeiten, die auch in der Reparaturbranche seit Jahresbeginn für spürbare Materialpreiserhöhungen sorgen, sind einer der Faktoren, die Konjunkturforscher zu eher verhaltenen Zukunftsprognosen gelangen lässt. Neben der anhaltenden Ungewissheit über eine mögliche vierte Welle der Covid-19-Pandemie registrieren verschiedene Institute besonders in Berufen mit Fachkräftemangel einen Rückgang der Einstellungsbereitschaft. Zu dieser Einschätzung gelangt etwa der Report des beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) angesiedelten Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa). Die größten Engpässe bestehen demnach weiter in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung. Hier gebe es für gut jede zweite offene Stelle keinen entsprechend qualifizierten Arbeitslosen. Knapp werden derzeit auch die Mechatroniker, wo auf 100 offene Stellen jeweils weniger als 100 entsprechend
qualifizierte Arbeitslose kommen. Die Kofa-Experten gehen von einer Verschärfung der Situation aus, ebenso wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: „Die Arbeitsagenturen erwarten weiterhin eine deutliche Erholung am Arbeitsmarkt. Aber das Ende der Fahnenstange scheint beim Optimismus erreicht“, wird Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“, in einer aktuellen Pressemitteilung zitiert. ## Baden-Württemberg: Bleibt 2035 ein Viertel der Stellen unbesetzt? Vor diesem Hintergrund ist auch das düstere Zukunftsszenario einzuordnen, das der aktuelle Fachkräftemonitor des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) entwirft. Dort geht man davon aus, dass die Verfügbarkeit qualifizierter Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen innerhalb der nächsten 14 Jahre um rund 28 Prozent abnehmen wird. Das bedeutet, dass den Unternehmen im Jahr 2035 somit rund 863.000 Fachkräfte weniger zur Verfügung stünden. Ebenso dürfte das Durchschnittsalter der Belegschaften in sämtlichen Wirtschaftszeigen weiter anwachsen, und zwar von heute 45,2 Jahre auf 49 Jahre. ## Lage auf dem Ausbildungsmarkt bleibt herausfordernd Prognosen zur Entwicklung der Fachkräfteversorgung sind aufs engste mit der gegenwärtigen Ausbildungssituation verknüpft. Für den Zeitraum von Oktober 2020 bis Juli 2021 registrierten die Agenturen für Arbeit und Jobcenter 404.000 Meldungen von Bewerben und Bewerberinnen und somit 35.000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Zwar dürften insbesondere die Pandemie-bedingten Kontaktbeschränkungen und nicht ein generell rückläufiges Interesse junger Menschen an einer Ausbildung für den Rückgang verantwortlich sein – alarmierend ist diese Entwicklung dennoch. Denn durch die Corona-Krise hat sich der bereits davor bestehende Erosionsprozess auf dem Ausbildungsmarkt noch beschleunigt. Hinzukommt, dass auch auf Unternehmensseite weniger Ausbildungsplätze angeboten wurden. 485.000 Stellen waren es seit Oktober 2020 – 14.000 weniger als vor einem Jahr. Für eine abschließende Beurteilung der Situation ist es allerdings noch zu früh, da der Ausbildungsmarkt im August und September meist noch sehr dynamisch ist und viele Betriebe und Bewerber sich erst dann entscheiden. Meldungen der Kammern zu steigenden Vertragszahlen deuten auf eine positive Entwicklung hin. Entsprechend optimistisch äußerte sich jüngst DIHK-Präsident Peter Adrian zum Beginn des Ausbildungsjahrs, er sei „zuversichtlich, dass sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt im Sommer weiter verbessert“. Dies gehe aber nur „Schritt für Schritt“. Ob dieses Tempo ausreicht, um die Nachfrage nach den Fachkräften von Morgen sicherzustellen, bleibt abzuwarten.
Christoph Hendel