2020-12-16T15:05:31+0000

Training mit Virtual Reality: „Mehr als Tai Chi für Lackierer“

Konzentriert führt der Lackierer die Bewegungen aus. Spritzgang für Spritzgang färbt sich die Fahrzeugtür in der Farbe des Lackes. Fertig. Mariusz Dechnig beendet den Lackiervorgang und – nimmt die Brille ab, um sein Lackierergebnis auf dem Bildschirm auszuwerten. Denn das, was er gerade lackiert hat, ist nicht in der Werkstatt geschehen, sondern im Seminarraum des BTZ Weiterstadt. Hier testet der Fachbereichsleiter derzeit verschiedene Trainingsmöglichkeiten mit der sogenannten Virtual Reality. ## Lackieren auf dem Bildschirm Die Funktionsweise dieser Technologie ist bei den derzeit auf dem Markt verfügbaren Geräten recht ähnlich: Die handelsübliche Lackierpistole wird an das Gerät angeschlossen. Der Anwender sieht via VR-Brille das zu lackierende Teil und kann über das Menü Parameter wie Farbe oder Luftdruck einstellen. Der Lackiervorgang läuft ausschließlich virtuell ab. Im Anschluss kann der Lackierer sein Werk auswerten. ## Bis zu 40.000 Euro Investitionskosten „Die Technologie an sich ist nicht neu“, weiß auch Mariusz Dechnig. „Bereits auf den Euroskills in Lille 2014 habe ich die ersten Lackiersimulatoren gesehen. Aber damals war das meiner Meinung nach eher so etwas wie Thai Chi für Fahrzeuglackierer“, erinnert er sich. Inzwischen habe sich die Technik aber deutlich weiterentwickelt. Und nun überlegt auch Mariusz Dechnig, für Trainingszwecke im BTZ Weiterstadt ein solches Gerät anzuschaffen. „Möglich ist uns das durch eine Digitalisierungsoffensive. Dadurch erhalten wir Förderungen vom Staat“, erklärt der Fachbereichsleiter. Ein Segen, denn die teuersten Geräte schlagen mit bis zu 40.000 Euro schon eine große Kerbe in das Budget der Bildungseinrichtung. ## Testlauf mit Azubis Bisher hat Mariusz Dechnig Geräte von fünf verschiedenen Herstellern getestet – gemeinsam mit den Berufsschülern des ersten Lehrjahrs. „Diese waren begeistert vom praktischen Anteil, den der VR-Lackiersysteme ihnen ermöglicht hat“, erinnert er sich. Die Technologie ermöglicht es, die Abläufe im Lackierprozess relativ anschaulich zu vermitteln und auch Tricks und Kniffe, beispielsweise beim Lackierabstand, zu erklären. So sei es mit einigen Geräten sogar möglich gewesen, sowohl Innen- als auch Außenteile zu lackieren und einen Glanzeffekt zu simulieren. Mariusz Dechnig ist sich aber auch im Klaren darüber, dass das Training mit der Brille das „echte“ Lackieren nicht ersetzen kann – „aber immerhin gut ergänzen“. Er selbst glaubt, dass in der VR-Technologie Potenzial schlummert, um dem Fachkräftemangel ein Stück weit entgegen zu wirken. „Vor allem auf Bildungsmessen und zur Berufsorientierung eignen sich diese Systeme. Denn sie sind eine gute digitale Möglichkeit, um Schüler für den Beruf des Fahrzeuglackierers zu begeistern und dadurch Nachwuchs zu gewinnen.“ Mariusz Dechnig setzt die VR-Brille wieder auf, um sich noch ein bisschen durch das System zu testen. Bald wird er sich für einen Anbieter entscheiden. „Wenn wir Glück haben, können wir dann in rund einem Jahr auch am BTZ Weiterstadt damit trainieren.“
Ina Otto
Lesens Wert

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