2020-04-08T14:18:15+0000

"Wir gehen mit kühlem Kopf durch die Krise"

Wie ist die Lage der Betriebe in der Corona-Krise? Und wie gelingt es den Werkstätten in dieser Situation, für Auslastung im Unternehmen zu sorgen? schaden.news hat sich auch in dieser Woche wieder bei drei Betrieben umgehört. ## Mechanik und Industrielackierung als weitere Standbeine „Bis Ende April oder Anfang Mai werden unsere Mitarbeiter noch zu tun haben. Rund 60 Fahrzeuge warten noch auf eine Reparaturfreigabe seitens der Versicherung“, berichtet Andrea Del Polito, Technischer Betriebsleiter bei der Thedens GmbH. Zudem sei es in dieser Situation ein Glücksfall für den Betrieb, dass neben dem K&L-Geschäft auch Mechanik und die Industrielackierung feste Standbeine des Unternehmens sind. Hier bestünde die Möglichkeit Mitarbeiter in andere Abteilungen einzusetzen. „Alle größeren Mechanikbetriebe in der Region haben geschlossen oder schon die Kurzarbeit angetreten – wir haben weiter geöffnet solange es noch möglich ist und achten sehr stark darauf, die Hygienemaßnahmen einzuhalten.“ Um den Umgang mit dem Kunden möglichst kontaktlos zu gestalten, habe der Betrieb eine Handynummer eingerichtet, auf die die Autofahrer Bilder des Unfallschadens senden können und anhand der Bildinformation der Kostenvoranschlag erstellt wird. Zusätzlich fahren die Serviceberater mit Tablets ausgestattet zur Schadensaufnahme zum Kunden, ohne mit diesen in Kontakt zu treten. Die wichtigen Informationen oder Dokumente werden dann telefonisch, per E-Mail oder WhatsApp erledigt, angefordert oder zugesandt. ## Kundenumgang: Nur kontaktlos Den kontaktlosen Umgang mit den Kunden hat auch Michael Seidel, Inhaber eines Karosserie- und Lackierbetriebs im bayrischen Mainaschaff, umfangreich im Betrieb angepasst. „Schadensbilder und Unterlagen zum Fahrzeug lassen wir uns vom Kunden digital per E-mail oder per Whatsapp schicken. Unsere Annahme haben wir auch verändert und Plexiglasscheiben vor die Tresen gebaut sowie einen Outdoor-Counter für Kunden errichtet. Für den Fahrzeugschlüssel steht unseren Kunden ein Einwurfbriefkasten zur Verfügung.“ Der Unternehmer bemerkt einen deutlichen Auftragsrückgang in den vergangenen Wochen. „Momentan kommen pro Woche rund zehn Aufträge rein – vor der Corona-Krise war diese Zahl noch um ein vielfaches höher.“ Um die Abflachung etwas abzufedern, widmen er und seine Mitarbeiter sich als Oldtimer-Restaurations-Fachbetrieb unter anderem drei VW-Bussen und anderen Projekten, die zur Vollrestaurierung im Betrieb stehen. Michael Seidel ist sich sicher: „Die jetzige Situation wird uns neue Chancen bieten - gerade in Bezug auf Digitalisierung der Werkstatt. Aber sie wird uns auch sehr viel Geld kosten.“ Er betont aber auch: „Die Verbände sollten in dieser Situation ihre Kraft nutzen, um bei den Versicherern die Notwendigkeit von finanzieller Unterstützung der Betriebe zu adressieren und sie damit sicher durch die Krise zu manövrieren.“ ## „Wir sind breit aufgestellt“ In der Böge GmbH Mechanik, Karosserie und Lack in Leipzig laufen die Geschäfte laut Betriebsinhaber Marco Böge „noch relativ normal.“ Er weiß jedoch, dass auch in Krisenzeiten jeder Betrieb anders tickt. „Wir verfolgen aktiv im Markt, wie es unseren Kollegen aus anderen Bundesländern geht und informieren uns auch in der neu gegründeten ZKF-Whatsapp-Gruppe zum Thema“, berichtet Marco Böge. Er bemerkt sehr
wohl auch, dass weniger Schäden aus der Schadensteuerung an den Betrieb vermittelt werden. „Wir sind allerdings breit aufgestellt, haben einen hohen Anteil an Privatkunden, die nach wie vor zu uns in den Betrieb kommen. Das liegt unter anderem daran, dass wir auch Mechanik-Leistungen anbieten und hier technisch sehr gut aufgestellt sind.“ ## Aktive Werbung für Hol- und Bringdienste Momentan nutzt das Team im Betrieb Böge freie Kapazitäten, um Schäden mit stehenden Kostenvoranschlägen nachzutelefonieren und zu reparieren. „Darüber hinaus haben wir unseren Hol- und Bringdienst für Kunden, die verunsichert sind, ausgebaut und bewerben diesen aktiv auf unserer Website und bei Facebook“, erklärt Marco Böge. Zudem hat der Betrieb den Wartebereich gesperrt, um zu vermeiden, dass sich dort zu viele Kunden gleichzeitig aufhalten. „Getrennte Büros für die Annahme von Mechanik-Aufträgen und Unfallschäden hatten wir sowieso schon, auch das bewährt sich momentan doppelt“, berichtet der 48-Jährige. Bei allen Maßnahmen in Zeiten der Corona-Krise habe er alle Mitarbeiter von Anfang an mit ins Boot geholt, betont der Betriebsinhaber. Das gelte auch für die Arbeitszeiten der Mitarbeiter. „Viele haben Kinder und nun durch geschlossene Schulen und Kitas ein Betreuungsproblem. Aber glücklicherweise haben wir für jeden einzelnen individuelle Lösungen finden können, angefangen beim Über- und Minusstundenkonto über Arbeitszeitverlagerung bis zum Schichtbetrieb. Aktuell bereiten wir die Anträge für Erstattung dieser betreuungsbedingten Ausfälle vor, die die Landesdirektion in Sachsen teilweise übernimmt“, berichtet der Lackierermeister. Nichtsdestotrotz habe er vorsorglich Kurzarbeit für seinen Betrieb angezeigt. „Für März geben wir aber keinen Antrag ab, den haben wir gut über die Runden bekommen. Wir werden sehen, ob wir gegen Ende April das aktuelle Volumen noch halten können oder hier dann konkret Kurzarbeitergeld beantragen müssen“, fasst Marco Böge zusammen, der sich auch mit dem Gedanken trägt, das Kurzarbeitergeld aufzustocken um hier seine Mitarbeiter zu unterstützen. Kürzlich hat er auch Kontakt zum Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr. Für Kleinstbetriebe hatte Sachsen in der Krise Soforthilfe zugesagt. Der Leipziger Betrieb mit 26 Mitarbeitern und einem Umsatz größer als 1 Millionen Euro fällt damit durchs Förderraster. „Zinsgünstige Darlehen oder Bürgschaften sorgen für eine noch höhere Verschuldung und sind in den beiden aktuellen Kfw-Programmen binnen zwei oder vier Jahren kaum zurückzuzahlen. Auch die Stundung von Steuern sind nett, aber der Boomerang wird ja zurückkommen“, richtete Marco Böge per E-Mail klare Worte an den Sächsischen Minister für Wirtschaft und Verkehr, Martin Dulig. Dessen Team prüfe nun, welche Hilfmaßnahmen möglich sind, um den sächsischen Mittelstand durch diese schwierige Zeit zu helfen, heißt es auf der Website des Betriebs Böge, [der den Schriftverkehr mit den Ministerium in einem Blog veröffentlicht hat](https://www.boege-gmbh.de/corona-hilfen-unser-schriftwechsel-mit-dem-saechsischen-staatsminister-fuer-wirtschaft-verkehr/). „Es sind viele kleine Bausteine, die uns dabei unterstützen, einen kühlen Kopf zu bewahren und den Betrieb und das Team sicher durch die Krise zu führen“, erklärt Marco Böge abschließend.
Ina Otto