2026-05-27T09:25:40+0000

Unfallanalytikerin Katharina Michels: Auf Spurensuche in Datenprotokollen

Ein Geschwindigkeitssprung. Ein ungewöhnlicher Lenkwinkel. Ein Datenwert, der nicht zum geschilderten Unfallhergang passt. Wenn Katharina Michels Datenprotokolle aus verunfallten Fahrzeugen analysiert, geht es oft um kleinste Auffälligkeiten mit großer Bedeutung. Die 30-Jährige ist Teil eines Expertenteams, das DEKRA-Unfallanalytiker deutschlandweit immer dann unterstützt, wenn es besonders knifflig wird. Katharina Michels ist auf die Fahrzeugdiagnose spezialisiert, hilft beim Auslesen von Daten und analysiert Steuergeräte und Protokolle. „Welche Events gehören wirklich zum Unfall? Gibt es Auffälligkeiten, die sich nicht erklären lassen? Danach suche ich gezielt“, erklärt sie im Interview mit schaden.news. ## Von Stuttgart nach Dresden und wieder zurück Dass sie beruflich etwas mit Autos machen will, war früh klar. „Mein Vater ist Kfz-Meister, ich bin im Automobilbereich groß geworden“, berichtet Katharina Michels. Nach ihrem Abitur 2014 zog es die Stuttgarterin zum Studium nach Dresden: Maschinenbau mit Schwerpunkt Kraftfahrzeugtechnik, nebenbei arbeitete sie bereits bei Mercedes-Benz in der Unfallforschung. Im Januar 2024 schloss sie ihr Studium als Diplomingenieurin ab und ging zurück in die Heimat. Im Juli desselben Jahres begann sie schließlich bei der Expertenorganisation DEKRA, wo sie zunächst die halbjährige interne Ausbildung zur Unfallanalytikerin durchlief. ## In der Welt der Daten zuhause Heute arbeitet Katharina Michels als Teil eines 12-köpfigen Teams in der Hauptverwaltung in Stuttgart im Bereich Produktmanagement Unfallanalytik und ist auf die Fahrzeugdiagnose spezialisiert. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, die Kolleginnen und Kollegen draußen im Einsatz zu unterstützen. Denn moderne Fahrzeuge liefern zwar immer mehr Daten – die Systeme unterscheiden sich jedoch je nach Hersteller und Modell erheblich, was den Zugriff auf unfallrelevante Daten teils erschwert. „Oft geben wir direkt am Telefon Hinweise, wie Kollegen bestimmte Daten überhaupt auslesen können“, erklärt sie. „Bei manchen VW-Modellen muss zum Beispiel die Motorhaube geöffnet sein, damit die Kommunikation mit dem Fahrzeug funktioniert.“ Wenn sie keinen telefonischen Support leistet, wertet Katharina Michels Steuergeräte und Datenprotokolle aus. Moderne Fahrzeuge speichern inzwischen zahlreiche Informationen – etwa Geschwindigkeit, Bremsvorgänge oder Lenkwinkel. Die Datenbasis wird dabei immer genauer. Im sogenannten Event Data Recorder – kurz EDR – der seit 2024 verpflichtend ist, sollen Daten beispielsweise künftig mit 10 Messwerten pro Sekunde gespeichert werden. ## Ein besonderer Fall Die Herausforderung liegt aber weniger im Auslesen der Daten, sondern vor allem in ihrer Interpretation. „Man schaut: Welche Werte passen zum Schadenbild? Welche
Ereignisse gehören wirklich zur Kollision? Und wo gibt es Unstimmigkeiten?“, erklärt die 30-jährige Unfallanalytikerin. Wie wichtig diese Detailarbeit sein kann, zeigte ein Fall, der ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist. Eine Motorradfahrerin kollidierte mit einem Pkw und wurde schwer verletzt. Laut Aussage der Pkw-Fahrerin habe das Auto lediglich die Spur gewechselt. Doch die Daten warfen Fragen auf. „Im EDR waren riesige Lenkwinkel gespeichert, die überhaupt nicht zur Schilderung passten“, erinnert sich Katharina Michels. Nach intensiver Analyse stellte sich heraus: Der Pkw hatte mitten auf der Landstraße einen U-Turn gemacht, die Motorradfahrerin konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. ## „Es ist ein super interessanter Job“ Auch wenn Katharina Michels heute überwiegend in der Zentrale tätig ist, kennt sie die Arbeit an der Unfallstelle aus ihrer Ausbildung genau. Während ihrer Mentorenzeit begleitete sie erfahrene Analytiker direkt zu Einsätzen. Dort wurden Spuren gesichert, Splitterfelder dokumentiert, Reifenabrieb vermessen oder Kollisionsstellen eingegrenzt. „Wichtig ist, möglichst schnell vor Ort zu sein, bevor Spuren verschwinden“, betont sie. Neben ihrer Arbeit in der Zentrale unterstützt sie außerdem auch die Ausbildung angehender Unfallanalytiker, schult Mitarbeitende im Bereich Diagnose oder gibt beispielsweise Lehrgänge zur Auswertung von Fahrrad-Computern. Dass sie als Frau in diesem Bereich noch immer eine Ausnahme ist, weiß sie selbst. Über 90 Prozent der Analytiker sind Männer. Trotzdem würde sie sich jederzeit wieder für diesen Beruf entscheiden. „Es ist ein super interessanter Job, jeder Unfall ist anders“, so die Diplomingenieurin. „Aber man muss das psychisch auch verkraften können.“ Denn hinter jedem Datenprotokoll steckt ein realer Unfall – und nicht selten ein schweres persönliches Schicksal.