2026-04-29T09:26:10+0000

Web-TV: „Vom Kalkulator zum Beurteiler“ – Wie KI die Schadenkalkulation verändert

Künstliche Intelligenz verändert zunehmend die Abläufe in der Schadenkalkulation. Angesichts wachsender Fahrzeugkomplexität und knapper Personalressourcen rückt die Automatisierung vieler Prozesse stärker in den Fokus der Betriebe. Wie sich diese Entwicklung konkret auf den Werkstattalltag auswirkt, diskutierten Branchenexperten in der aktuellen Schadentalk-Ausgabe, die seit dem 23. April im Web-TV online abrufbar ist. ## KI-Diskussion aus Leipzig Aufgezeichnet wurde die Sendung am Standort von Icam Systems und Claims Controlling in Leipzig – wo Experten täglich tausende Kalkulationen prüfen. Moderator Christian Simmert diskutierte dort mit Uwe Schmortte (Leiter Icam Systems), Harun Coşkun (Co-Gründer Fiasco), Erik Jahn (Mitglied der Geschäftsleitung von Solera Audatex AUTOonline) und Unternehmensberater Ralf Schütte (Trast) über die Zukunft der Schadenkalkulation. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich automatisierte Prozesse und digitale Systeme konkret in den Werkstattalltag integrieren lassen – und welche Aufgaben künftig beim Menschen bleiben. ## Steigende Komplexität trifft auf knappe Ressourcen Die Ausgangslage ist klar: Schäden werden komplexer, während qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Moderne Fahrzeugtechnologien, neue Materialien und alternative Antriebe erhöhen den Aufwand bei der Kalkulation deutlich. Gleichzeitig steigen die Schadenkosten pro Fall. Vor diesem Hintergrund wächst der Druck auf Betriebe, Prozesse effizienter zu gestalten. Digitale Werkzeuge und KI-gestützte Systeme entwickeln sich dabei von einer Option zur Notwendigkeit. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob KI eingesetzt wird – sondern wie. Ein entscheidender Treiber ist die zunehmende Datenmenge. Herstellerinformationen, Reparaturmethoden und Dokumentationsanforderungen lassen sich kaum noch vollständig manuell erfassen. Digitale Unterstützung wird damit zum festen Bestandteil des Arbeitsalltags. ## KI beschleunigt Prozesse – aber nur mit guten Daten Ein Schwerpunkt der Diskussionsrunde lag auf dem praktischen Einsatz von KI-Systemen. Besonders in der Schadenaufnahme zeigen sich deutliche Effizienzgewinne. Automatisierte Bilderkennung kann Bauteile identifizieren, Schäden analysieren und eine erste Kalkulationsgrundlage erzeugen – oft innerhalb weniger Minuten. Harun Coşkun erläuterte am Beispiel der KI-gestützten Schadenbilderkennung von Fiasco, wie weit die Automatisierung bereits fortgeschritten ist: In 8,6 von 10 Fällen läuft die Kalkulation laut Fiasco-Erhebung ohne manuellen Eingriff durch. Die Prozesszeit liegt bei 90 Prozent der Fälle unter drei Minuten. Schäden, die nicht eindeutig bewertet werden können, werden gezielt ausgesteuert und anschließend manuell geprüft. Parallel dazu entwickelt sich auch die sogenannte „Visual Intelligence“, wie sie etwa in Audatex-Lösungen eingesetzt wird, stetig weiter. Nutzer werden dort durch geführte
Fotoprozesse unterstützt, bei denen digitale Modelle den richtigen Abstand und Winkel vorgeben. Die Software erkennt Bauteile, ordnet Schäden zu und erzeugt strukturierte Daten für die Kalkulation. Dabei wurde deutlich: Die Qualität der Ergebnisse steht und fällt mit den Eingangsdaten. Vor allem präzise Schadenfotos sind entscheidend für verlässliche Ergebnisse. Harun Coşkun betonte: „Man braucht ein Fingerspitzengefühl und Vertrauen in die Systeme – aber eben auch die Bereitschaft, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.“ Einig waren sich die Experten auch: Nicht jeder Schaden eignet sich gleichermaßen für automatisierte Prozesse. Komplexe oder verdeckte Schäden erfordern weiterhin Erfahrung und manuelle Prüfung. ## Neues Rollenbild: „Vom Kalkulator zum Beurteiler“ Besonders intensiv diskutierten die Talkteilnehmer den Wandel des Berufsbildes. Die klassische Rolle des Kalkulators verändert sich grundlegend. Erik Jahn brachte diese Entwicklung auf den Punkt: „Wir erleben einen Wandel vom Kalkulator zum Beurteiler. Weg von dem, der jede Position selbst eingibt, hin zu dem, der den fertigen Bericht prüft und bewertet.“ Diese neue Rolle erfordert zusätzliche Kompetenzen. Mitarbeiter müssten verstehen, wie KI-Systeme arbeiten, ihre Grenzen kennen und Ergebnisse fachlich einordnen können. Die Verantwortung für die Reparatursicherheit bleibt also immer beim Menschen und der Fokus verschiebt sich: weniger Dateneingabe, mehr Bewertung und Kontrolle. ## Ausgelagerte Kalkulation entlastet Werkstätten Ein weiterer Diskussionspunkt war die Frage, wie Betriebe mit steigender Komplexität und knappen Personalressourcen umgehen können. Genau hier setzen die Unternehmen Icam Systems und Claims Controlling an. Am Leipziger Standort prüft das Team um Uwe Schmortte täglich tausende Schadenkalkulationen für Werkstätten. Betriebe können Teile der Kalkulation oder deren Prüfung auslagern – etwa dann, wenn intern Kapazitäten fehlen oder Spezialwissen erforderlich ist. Die externen Experten greifen dabei auf umfangreiche Datenbanken, digitale Regelwerke und Erfahrungswerte zurück. Für Werkstätten bedeutet dieses Modell vor allem Entlastung, wie Uwe Schmortte klar machte. Statt jede Kalkulation vollständig selbst zu erstellen, können Aufgaben an spezialisierte Teams übergeben werden. „Wir verstehen uns als Partner der Werkstätten. Unser Ziel ist es, Prozesse zu stabilisieren und Fehler zu vermeiden – gerade in Zeiten steigender Komplexität“, so der Icam Systems-Leiter. Ein zusätzlicher Nutzen liegt in der Qualitätssicherung. Durch die systematische Prüfung lassen sich typische Fehler frühzeitig erkennen. Das reduziert Rückfragen und kann Freigabeprozesse beschleunigen. ## Digitale Regelwerke schaffen Sicherheit im Prozess Neben der Bilderkennung spielen intelligente Regelwerke eine immer größere Rolle. Sie
prüfen Kalkulationen automatisiert auf Plausibilität und Einhaltung definierter Standards. Solche Systeme helfen Betrieben, Fehler zu vermeiden und die Kommunikation mit Versicherern zu vereinfachen. Gleichzeitig steigt die Prozesssicherheit, was zu schnelleren Freigaben führen kann. ## Offenheit für neue Technologien wird zum Wettbewerbsfaktor Einigkeit herrschte in der Runde auch darüber, dass eine offene Haltung gegenüber neuen digitalen Werkzeugen entscheidend ist. Ralf Schütte appellierte an die Branche: „Daten sind das Gold des modernen Handwerks. Wer sie richtig nutzt, verschafft sich einen klaren Wettbewerbsvorteil.“ Das betrifft nicht nur Software, sondern auch interne Prozesse und die Qualität der Dokumentation. Je strukturierter Daten erfasst werden, desto besser können KI-Systeme ihre Stärken ausspielen. ## Mensch und Maschine als Erfolgsmodell der Zukunft Trotz aller technischen Möglichkeiten bleibt die fachliche Expertise im Betrieb die Grundlage jeder Reparaturentscheidung. Die Diskussion im aktuellen Schadentalk im Web-TV zeigte deutlich, dass KI die menschliche Arbeit nicht ersetzt, sondern erweitert. Sie übernimmt Routineaufgaben, beschleunigt Abläufe und schafft Freiräume für qualifizierte Bewertungen. Für Karosserie- und Lackierbetriebe bedeutet das vor allem eines: Wer die neuen Technologien versteht und sinnvoll einsetzt, kann Prozesse stabilisieren und sich langfristig im Markt behaupten.