2026-04-15T12:36:08+0000

Messekongress: KI hat die Schadenbranche fest im Griff

Einen neuen Besucherrekord verzeichnete der 19. Messekongress Schadenmanagement & Assistance, der in dieser Woche (14.-15. April) in Leipzig stattfand. 1.500 Teilnehmende und 99 Aussteller waren nach Leipzig gereist, um sich über aktuelle Trends in der Versicherungswirtschaft auszutauschen. Unter den Besuchern waren Schadenchefs der Kfz-Versicherer, Prüfdienstleister, Schadensteuerer und -dienstleister, aber auch andere Player aus dem Kfz-Unfallschadenmarkt. Der Gastgeber, Versicherungsforen-Geschäftsführer Jens Ringel, verdeutlichte in seiner Begrüßungsrede, dass die Branche inmitten globaler Krisen und technologischer Sprünge vor einer umfassenden Transformation steht, bei der das Verständnis komplexer Zusammenhänge wichtiger denn je ist. Im Fokus stehen dabei eine resiliente Digitalisierung sowie die Steigerung des Automatisierungsgrads, um insbesondere Schnellschäden bis 2030 effizienter abzuwickeln. Als entscheidende Hürde identifizierte Jens Ringel die Schnittstellenfähigkeit und die nahtlose Anbindung an moderne IT-Systeme, während Nachhaltigkeitsaspekte wie „Reparatur statt Ersatz“ zunehmend an Bedeutung gewinnen. Ein lebendiger Austausch aller in der Banche Beteiligten, wie ihn der Messekongress biete, sei daher wichtiger als je zuvor. ## KI-gestützte Schadensteuerung: VHV setzt auf Echtzeit-Kalkulation von Fiasco Einmal mehr stand insbesondere der Einsatz von KI im Fokus bei den Vorträgen, kaum ein Programmpunkt, der die Künstliche Intelligenz nicht thematisierte. So zum Beispiel beim Vortrag „Taggleiche Regulierung als neuer Standard – KI-Kalkulation und Agentic AI als Orchestrator der Schadenprozesse“. Önder Aslan (Geschäftsführer Fiasco GmbH) und Friedrich von Wrede (Geschäftsführer Schaden VHV solutions GmbH) zeigten, wie die VHV ihre rund 500.000 jährlichen Kfz-Schäden durch einen radikal neuen Prozess effizienter steuert. Herzstück sei dabei die Fiasco-Cloud: Durch die Kombination aus telefonischer Meldung, Schadendaten und dem „Clickable Car“ erreiche die VHV eine Trefferquote von 75 Prozent bei sofort abrechenbaren Fakten. Ein entscheidender Faktor sei die KI-basierte Ermittlung der Schadenhöhe direkt zu Beginn des Prozesses. Dies verändere auch das Berufsbild der 75 hauseigenen Sachverständigen, die sich laut Friedich von Wrede von Belegprüfern zu aktiven Kalkulatoren entwickeln. Der Schaden-Geschäftsführer sprach von klaren Ergebnissen: „Der Nachbearbeitungsbedarf liegt bei lediglich zehn Minuten, was die Produktivität massiv steigert.“ Zudem sorge ein abschließender „Calcreport“ für Transparenz und stärkt das Kundenvertrauen. Die Belegschaft zeige sich begeistert vom neuen Workflow. Dieser ermögliche im Kasko-Bereich bereits eine fiktive Abrechnungsquote von rund 45 Prozent und garantiere einen verbindlichen, schnellen Service für den Endkunden. Im Anschluss präsentierte Önder Aslan dem Publikum noch eine Neuigkeit aus dem Hause Fiasco: Die neue KI-Assistentin
„Fiona“ ermögliche ab sofort eine Aufnahme aller relevanter Schadeninfos per Telefon. Über einen Link kann der Fahrzeughalter gleich im Anschluss Fotos vom Fahrzeug und vom Schaden erstellen. Die Kalkulations-KI „Sofia“ erstellt mit allen nun hinterlegten Parametern eine vollständige Schadenkalkulation. „Fiona“ sei bereits in den ersten Pilotbetrieben im Einsatz. ## DEKRA: Digitales Schadenmanagement bei HUK-Coburg und WGV Im Experten Panel des Messekongresses stellen Bernd Grüninger (Bereichsleiter DEKRA Automobil GmbH) und Christoph Mennicken (Head of digital C&E Services DEKRA Automobil GmbH) den aktuellen Entwicklungsstand des digitalen Schadenmanagements aus dem Blickwinkel der Prüforganisation vor. Nachdem die Stuttgarter in den vergangenen Jahren intensiv an der Online-Meldestrecke gearbeitet haben, kommt das KI-gestützte System jetzt in der Versicherungswelt an. Wie die Implementierung genau aussieht, zeigten Michael Schnapp (Abteilungsleiter Schaden Prozessmanagement HUK-Coburg) und Frank Folkert (Abteilungsleiter Kfz-Schaden Württembergische Gemeinde-Versicherung). Die Kfz-Versicherer setzen das digitale Schadenmanagement vor allem zur Prozessbeschleunigung durch effektive Einschätzung und Einstufung von Schadenfällen, der Steuerung von Reparaturaufträgen sowie Unterstützung in der Schadenkommunikation ein. In den nächsten Jahren rechnen ist damit zu rechnen, dass KI-gestützte Systeme die Schadenregulierung stärker denn je beeinflussen werden, da das digitale Schadenmanagement „mit jedem Schaden dazulernt und noch effektiver wird.“ ## Gateway bei BMW, Mercedes und VW im Einsatz In den Partnerwerkstätten der Innovation Group gehört die Steuerungsplattform Gateway seit vielen Jahren zum Standard. Mit dem sogenannten OEM-Walk-In-Prozess werden nun aber auch verstärkt Vertragswerkstätten ins Visier genommen. Und das offenbar mit Erfolg – wie Sascha Zoldos und Eva Topüth-Heymer in einem Vortrag in Leipzig den Zuhörenden erklärten. Demnach stünden sowohl Kfz-Versicherer als auch Vertragswerkstätten und Autohäuser vor denselben Herausforderungen im Schadenprozess: die Vielzahl gestiegener und individueller Anforderungen, fehlende Transparenz sowie Medienbrüche. Gateway soll als verbindendes Element zwischen Versicherern und Vertragswerkstätten für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Die Schadenplattform wird dabei laut Eva Topüth-Heymer technisch an das System des jeweiligen OEM angebunden – im Fall von BMW beispielsweise an BMW ProNet. Mario Zierer von der BMW Group bestätigte auf der Bühne den Nutzen: „Wir haben inzwischen über 1.000 Schäden bearbeitet und ich kann sagen: es funktioniert. Wir arbeiten nach wie vor mit unserem System, aber die Informationsdichte und Transparenz ist deutlich höher.“ Das bestätigte auch Dr. Cornelia Grimm von der Allianz. Und nicht nur die Allianz und BMW haben das System im Einsatz. Auch bei Mercedes und VW sei Gateway
inzwischen angebunden, ebenso wie bei weiteren Versicherungsunternehmen. Zum Abschluss betonte Sascha Zoldos: „Wir bieten das OEM-Walk-In-Programm jedem Versicherer an, egal ob dieser mit uns zusammenarbeitet oder nicht.“ ## Paneldiskussion zur Reparatur mit Gebrauchtteilen Die Reparatur mit Gebrauchtteilen, zu der der Arbeitskreis 5 beim diesjährigen Verkehrsgerichtstag eine Empfehlung herausgegeben hat, war ebenfalls Thema in Leipzig. Im Rahmen einer Paneldiskussion gaben Thomas Behl (Allianz Zentrum für Technik), Christian Kleefisch (Axa Versicherungen) und Michael Pinto (Bundesverband der Partnerwerkstätten) Einblicke in ihre Sichtweisen zur Thematik. Es moderierte Franz Gündel von den Versicherungsforen. Die Experten waren sich einig: Die technische Sicherheit ist bei Original-Gebrauchtteilen (GT) oft höher einzustufen als bei Billig-Nachbauteilen. Dennoch hakt es im Prozess. Thomas Behl betonte, dass etwa 10 % der Teile – explizit keine sicherheitsrelevanten Komponenten – ersetzbar seien. Er begrüßte, dass Hersteller wie VW und Stellantis das Thema nun forcieren. Dass Deutschland im internationalen Vergleich hinterherhinkt, verdeutlichte Christian Kleefisch. Während in Frankreich der Einsatz von GT gesetzlich forciert wird und in Skandinavien GT dieselbe Garantie wie Neuteile genießen, fehle hierzulande noch der entscheidende „Drive“. Skepsis herrscht vor allem in den Werkstätten. Laut einer Umfrage von Michael Pinto bewerten viele BVdP-Mitgliedsbetriebe den Zustand der Teile kritisch; der Aufwand für Rückabwicklungen sei zu hoch. Sein Lösungsvorschlag: Ein Teilepass und klare Qualitätsstufen zur Transparenzsteigerung. Auch aus dem Publikum kam der Appell, die ökologische Komponente als Zugpferd zu nutzen und das Geschäftsfeld nicht allein den OEMs zu überlassen. Um die Potenziale und Hürden der Gebrauchtteilreparatur weiter zu beleuchten, planen die Versicherungsforen Leipzig derzeit eine umfassende Studie zum Thema. [Details dazu gibt es hier. ](https://www.versicherungsforen.net/veranstaltungen/kollaborative-gemeinschaftsstudie-kfz-bereich) _Autoren: Christian Simmert, Ina Otto & Carina Hedderich_