2026-01-14T10:29:56+0000

net.casion: „Gebrauchte Ersatzteile werden fester Bestandteil der Reparatur“

_Wie geht es weiter mit dem Einsatz von gebrauchten Ersatzteilen in der Unfallinstandsetzung? Im exklusiven Interview mit schaden.news sprach net.casion-Geschäftsführer Dominik Hertel über die Pläne der Restwertbörse und welchen Einfluss die neue Altautoverordnung haben könnte. _ ___Sie sind seit April vergangenen Jahres von der Allianz zu net.casion als Geschäftsführer gewechselt. Was hat Sie eigentlich zu diesem Schritt bewegt?___ __Dominik Hertel:__ Mich hat vor allem die Chance gereizt, meine große Leidenschaft für das Thema Schaden noch direkter und wirksamer einzubringen. Im Totalschadenmanagement steckt viel Potenzial für Innovation. Bei net.casion kann ich näher am Markt, an Kunden und Mitarbeitenden wirken und Entscheidungen schneller umsetzen. Nach vielen Jahren in einem Konzern wollte ich meine Erfahrung gezielt in einem mittelständischen Umfeld einsetzen, Strukturen weiterentwickeln und Innovationen konsequent vorantreiben. Die Kombination aus Agilität, hoher fachlicher Kompetenz und klarer Wachstumsambition in Nachhaltigkeitskontext hat mich überzeugt. ___Wie ist 2025 für Sie bei net.casion gelaufen, wie war der Einstieg, was haben Sie angepackt?___ __Dominik Hertel:__ Die ersten Monate waren für mich eine Zeit des Ankommens, Zuhörens und Einordnens. Der Einstieg bei net.casion war sehr spannend, vor allem auch sehr positiv. Ich habe ein Unternehmen kennengelernt, das fachlich extrem stark ist, ein enormes Innovationspotenzial hat und gleichzeitig von einem großen Vertrauensverhältnis im Markt lebt. In den ersten Monaten ging es mir darum, das Geschäft, die Prozesse und vor allem die Menschen wirklich zu verstehen – intern wie im Netzwerk. Darauf aufbauend haben wir zentrale Themen angepackt: eine klare Positionierung als führende Innovationskraft im Totalschadenmanagement, neben der konsequente Weiterentwicklung unserer bestehenden Lösungen neue Ideen zu entwickeln und schnell umzusetzen, sowie Nachhaltigkeit als strategischem Prinzip stärker zu verankern. Gleichzeitig haben wir an unserer Zusammenarbeit gearbeitet – Verantwortung klarer verteilt, Entscheidungswege geschärft und den Mut zu neuen Lösungen ausdrücklich gefördert. ___Welche Ziele verfolgen Sie für dieses Jahr mit net.casion?___ __Dominik Hertel:__ Unser Ziel ist es, die Zukunft des Totalschadenmanagements aktiv zu gestalten, statt nur auf Markt- und Regulierungsanforderungen zu reagieren. Wir verstehen uns dabei als führende Innovationskraft im Ökosystem. Mit intelligenten, ganzheitlichen Lösungen vernetzen wir alle Beteiligten und machen Prozesse effizienter, transparenter und nachhaltiger. Natürlich arbeiten wir auch an spannenden neuen Ansätzen, welche für unsere Kunden einen großen Mehrwert bieten werden. Konkret arbeiten wir unter anderem an intelligenten Lösungen, die Totalschäden datenbasiert in ökonomisch und ökologisch sinnvolle Verwertungskanäle steuern, sowie am verstärkten Einsatz von KI zur Unterstützung unserer internen Prozesse. Nach dem technologischen Neustart von re.next, unserer Software für Verwerter, liegt der Fokus in diesem Jahr auch auf dem flächigen Rollout, der Weiterentwicklung entlang realer Verwerterprozesse und der konsequenten Integration in das Totalschaden-Ökosystem von net.casion. Parallel werden wir eine neue Generation von car.casion, unserem zentralen Produkt, entwickeln – mit dem Anspruch, digitale Prozesse im
Totalschadenmanagement einfacher, leistungsfähiger und zukunftsweisend zu gestalten. ___Im vergangenen Jahr haben wir das Thema Gebrauchtteile stark diskutiert. Claim Parts ist als Tochterunternehmen von net.casion hier eine der treibenden Kräfte. Welche Erwartungen haben Sie bei diesem Thema für das Jahr 2026?___ __Dominik Hertel:__ 2025 war stark geprägt von Grundsatzfragen – Akzeptanz, Qualität, Haftung, Prozesse. Diese Fragen sind gelöst. In 2026 wird es darum gehen, den Kunden näherzubringen, wie einfach und sinnvoll der Einsatz von Gebrauchtteilen ist. Konkret rechne ich nicht damit, dass der Einsatz von Gebrauchtteile in 2026 durch die Decke geht. Die durchgängige Akzeptanz ist ein langfristiger Prozess. Jedoch werden Gebrauchtteile selbstverständlicher eingesetzt werden – nicht nur aus Nachhaltigkeitsgründen, sondern ganz pragmatisch: wegen Verfügbarkeit, Kostenstabilität und kürzerer Standzeiten in der Werkstatt. Gleichzeitig wird der Anspruch steigen. Werkstätten und Versicherer erwarten verlässliche Qualität, klare Dokumentation und Prozesse, die sich nahtlos in bestehende Abläufe integrieren lassen. ClaimParts versteht sich dabei als professionelle Plattform, welche die Wiederverwendung von Original-Gebrauchtteilen in standardisierten Qualitätsstufen strukturiert, qualitätsgesichert und skalierbar in die Schadenprozesse integriert. Wer hier keine professionellen Strukturen bietet, wird es schwer haben. ___Das EU-Parlament und der Europäische Rat haben eine vorläufige Einigung für eine Verordnung über Altfahrzeuge geeinigt, die einen kreislauforientierten Umgang mit Alt-Autos regelt. Was ändert sich jetzt für die Branche?___ __Dominik Hertel:__ Noch sind leider nicht alle Details bekannt. Was wir bisher wissen, lässt folgende Schlüsse zu: Verkehrssichere Gebrauchtwagen dürfen exportiert werden; wirtschaftliche Totalschäden und irreparable Fahrzeuge müssen in der EU recycelt werden. Für Kabelstränge, Stoßfänger, Tanks und Batterien von Altfahrzeugen gelten Ausbaupflichten. Das bedeutet für Sachverständige und Händler: Sie müssen gewährleisten, dass das die Export-Fahrzeuge verkehrssicher sind, ansonsten drohen Bußgelder. Kfz-Versicherer müssen mit reduzierten Restwerten über die klassischen Verwertungswege rechnen. Offen bleiben aktuell zahlreiche Detailfragen, wie z. B. die Definition „verkehrssicher“ für Exporte, und wer diese prüft, bzw., bestätigt. Für die Branche heißt das vor allem: mehr Verantwortung, mehr Transparenz und klarere Prozesse. ___Wie stellt sich net.casion darauf ein?___ __Dominik Hertel:__ Mit dem Grünen Kreislauf sowie re.casion bietet net.casion ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternativen, die klassische Restwertermittlungs- und Verwertungswege gezielt ergänzen. Zusammen mit der Wiederverwendung der gebrauchten Ersatzteile lassen sich wirtschaftliche Einbußen gerade für Kfz-Versicherer ausgleichen. Die neue EU-Verordnung sorgt auch dafür, dass anerkannte Demontagebetriebe mehr Volumen und können durch Wiederverwendung von Teilen und den Verkauf hochwertiger Sekundärrohstoffe bessere Erlöse erzielen. Für den Markt für Original-Gebrauchtteile könnte das bedeuten das Werkstätten künftig eine größere Auswahl an Used Parts hat.
___Laut EU-Kommission müssen mindestens 30 % der Kunststoffe aus Altfahrzeugen recycelt werden. Wie geht net.casion auf die Neuregelung in diesem und andere Punkten konkret um?___ __Dominik Hertel:__ Die Vorgabe der EU-Kommission, mindestens 30 % der Kunststoffe aus Altfahrzeugen wiederzuverwerten, ist ein klares Signal: Es geht nicht mehr nur um Mengen, sondern um Qualität, Transparenz und Nachweisbarkeit bei der Rückgewinnung von Materialien. Genau hier setzen wir bei re.casion und green.casion konsequent an. Die beiden Lösungen sind keine klassische Restwertbörsen, sondern speziell für Altfahrzeuge, bzw. KFZ-Kreislaufwirtschaft konzipiert. Das bedeutet konkret: Nur Demontagebetriebe mit entsprechender Zertifizierung und nachgewiesener Fachkompetenz erhalten Zugriff auf unsere Börse. Diese Betriebe sind verpflichtet, Kunststofffraktionen ordnungsgemäß zu trennen und der Weiterverwertung zuzuführen – exakt so, wie es die EU-Regeln verlangen. Unser System dokumentiert zudem alle Schritte vom Einstellen des Fahrzeugs über die Teileentnahme bis zur Verwertung. Die Verordnung stellt Wiederverwendung bewusst vor Recycling. Deshalb unterstützen wir Prozesse, die erst prüfen, ob Kunststoff-Bauteile weiterverwendet werden können, bevor sie als Sekundärrohstoff recycelt werden. Kurz gesagt: net.casion schafft eine Infrastruktur, die rechtssichere Kennzeichnung, zertifizierte Demontage, transparente Nachverfolgbarkeit und dokumentiertes Recycling verbindet. ___In der Erklärung der EU-Kommission heißt es auch: „Durch Maßnahmen zur Förderung von Wiederverwendung, Wiederaufarbeitung und Überholung werden mehr gebrauchte Ersatzteile verfügbar sein, was den Verbrauchern zugutekommt, für die es erschwinglichere Reparaturmöglichkeiten geben wird.“ Womit rechnen Sie jetzt vor dem Hintergrund dieser Aussage?___ __Dominik Hertel:__ Wir rechnen nicht mit einem kurzfristigen Boom, sondern mit einer strukturellen Verschiebung im Markt. Die politische Förderung von Wiederverwendung und Wiederaufarbeitung sorgt dafür, dass gebrauchte Originalersatzteile dauerhaft aus der Nische herauskommen und zu einem festen Bestandteil der Reparatur werden. Konkret erwarten wir, dass die Verfügbarkeit qualitativ geprüfter Gebrauchtteile spürbar zunimmt – vor allem dort, wo Neuteile knapp, teuer oder mit langen Lieferzeiten verbunden sind. Gleichzeitig wird sich der Markt professionalisieren: Qualität, Herkunft und Dokumentation werden wichtiger als reine Menge – und exakt hier setzt ClaimsParts an. ___Vielen Dank für unser Interview.___
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