2021-07-21T13:07:40+0000

Hochwasser: „Ich fange mit meinem Betrieb wieder bei Null an“

Das Wasser kam schnell. Zurück blieben Schlamm, Nässe, Zerstörung. Für die Brüder Jörg und Alfred Huther, Inhaber eines K&L-Betriebs in Bad Neuenahr – Ahrweiler, ist es, als habe das Wasser den Reset-Knopf gedrückt. Mehr als 1,70 Meter hoch stand es in ihrem 25 Mitarbeiter starken Betrieb. Rund vierzig Fahrzeuge – zur Hälfte von Kunden, zur anderen Hälfte vom eigenen Fuhrpark – sind zerstört, ebenso wie die komplette Werkstatt. Die Fotos, die der schaden.news-Redaktion vorliegen, zeigen nur einen Bruchteil der Katastrophe, die sich in der Region laut Schilderungen von Jörg Huther vergangene Woche abgespielt hat. Inzwischen ist das Wasser gewichen, die Aufräumarbeiten haben begonnen, wurden jedoch bis gestern (Mittwoch, 21. Juli) durch fehlenden Strom erschwert. ## „Es wird Jahre dauern, bis die Region wieder aufgebaut ist“ Jörg Huther konnte den Schaden im Gespräch mit schaden.news bisher nicht beziffern, geht jedoch von einer Summe in Millionenhöhe aus. Das Bittere: Eine Elementarversicherung für Überschwemmungen hat er nicht. „Niemals ist das Wasser ansatzweise auch nur in die Nähe unseres Betriebs gekommen“, erinnert er sich. Wie geht es nun weiter? Der Betriebsinhaber ist ratlos. „Ich fange wieder bei Null an“, erklärt er dann jedoch fest entschlossen, nach vorn zu schauen. „Es gibt ja schließlich keine Alternative“, spricht er zum einen mit Blick auf seinen Betrieb, zum anderen auf den Ort, in dem das Hochwasser gewütet hat. „Die ganze Region ist zerstört, die Infrastruktur nicht mehr vorhanden. Es wird Jahre dauern, bis in unserem Ahrtal alles wieder aufgebaut ist“, verdeutlicht Jörg Huther das Ausmaß der Katastrophe. Mut mache ihm aber die grenzenlose Hilfsbereitschaft, die er und sein Team in den vergangenen Tagen erfahren habe. ## „Wir haben versucht zu retten, was zu retten ging“ Auch im Identica-Betrieb Bultink in Hagen hat das Hochwasser in der vergangenen Woche schwere Schäden verursacht – zunächst durch Starkregen. „Und dann ist der im Verhältnis kleine Fluss Volme über die Ufer getreten und man konnte zusehen, wie das Wasser gestiegen ist“, erinnert sich die Ehefrau des Inhabers, Jill-Catrin Bultink, gegenüber schaden.news. 78 Fahrzeuge standen zu diesem Zeitpunkt auf dem Firmengelände. „Wir haben versucht, so viele Autos wie möglich zu retten, haben alle Hebebühnen und Schleppfahrzeuge vollgestellt und auf den höchsten Punkt hochgefahren“, berichtet Jill-Catrin Bultink. So lange es ging, habe man versucht, zu retten, was zu retten ist. „Als das Wasser wadenhoch stand, wurden wir angewiesen das Gelände zu verlassen, da die Situation auch aufgrund des Starkstroms zu gefährlich wurde.“ Am Mittwochabend dann stieg das Wasser in der Werkstatt bis auf 1,50 Meter an. Der Betrieb hat Glück im Unglück: „Wir hatten eine Versicherung inklusive Betriebsunterbrechung abgeschlossen. Die Police ist zwar teuer, doch nun hilft es uns weiter, weil auch unsere Mitarbeiter weiter ihren Lohn erhalten.“ Das gesamte Team sei nun dabei, die Werkstatt und das Bürogebäude aufzuräumen, diese müssen aufwändig saniert werden. In den kommenden zwei Wochen bleibt der Betrieb komplett geschlossen. Danach hoffe man, zumindest in den Notbetrieb zu gehen. Auch Jill-Catrin Bultink ist dankbar für die Solidarität, die sie und andere Betroffene derzeit erfahren. „Am Wochenende stand bei uns eine ganze Fußballmannschaft vor der Tür, um zu helfen“, berichtet sie. ## Genaue Zahlen stehen noch aus Rund 30 Landkreise in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind besonders schwer von der Hochwasserkatastrophe getroffen. Wieviele Betriebe in den Hochwassergebieten Schaden genommen haben, war für die schaden.news-Redaktion bis zum Redaktionsschluss noch nicht abschließend geklärt. Die Unübersichtlichkeit hinsichtlich der Zahlen bestätigten sowohl Paul Kehle, Präsident der Bundesfachgruppe Fahrzeuglackierer (BFL), sowie der Zentralverband für Karosserie- und Fahrzeugtechnik und die Pressestelle des Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes. „Zu vielen Werkstätten haben wir nach wie vor keinen persönlichen Kontakt herstellen können“, erklärt Paul Kehle gegenüber schaden.news. ZDK-Sprecher Ulrich Köster äußerte sich ebenfalls sehr verhalten, was die Lage betrifft, denn schließlich laufe der Kontakt zu den Betrieben in erster Linie über die 235 bundesweiten Innungen. „Wir gehen außerdem davon aus, dass die Betriebe zunächst mit ihrer Versicherung bzw. den örtlichen Behörden Kontakt aufnehmen, um die Schadenslage ermitteln zu lassen und die notwendigen nächsten Schritte einzuleiten.“ Vermutlich wird sich bei den Verbänden erst in den kommenden Tagen herauskristallisieren, wie viele Betriebe das Hochwasser in welchem Maße getroffen hat. ## Verbände signalisieren Hilfsbereitschaft Branchenweit ist für die geschädigten K&L-Betriebe eine Welle der Hilfsbereitschaft angerollt, beispielsweise durch Spendenaktionen bei den Lackherstellern (siehe Infobox links Mitte). Auch die Verbände versuchen ihren Mitgliedsbetriebe so gut es geht zu
unterstützen. Thomas Aukamm, Hauptgeschäftsführer des ZKF, betonte Anfang der Woche gegenüber schaden.news: „Mit den Mitteln, die uns als Verband zur Verfügung stehen, werden wir die betroffenen Betriebe selbstverständlich so gut wie möglich unterstützen. Da unser Gewerk nicht das einzige betroffene Handwerk sein wird, werden wir insbesondere auch im Zusammenschluss den Zentralverband des Deutschen Handwerks in dieser Sache um Unterstützung bitten, um auf die richtigen politischen Entscheidungen im Hinblick auf eine rasche Lösung für geschädigte Betriebe hin zu wirken.“ Infolge der zahlreichen Schäden an Fahrzeugen durch das Hochwasser stehen Werkstätten nun vor einer weiteren Herausforderung: Der Verband habe in den vergangenen Tagen zahlreiche Hilferufe seiner Mitgliedsbetriebe aus den betroffenen Gegenden erhalten. Diese würden „als Abstellflächen von Totalschäden von Fahrzeugen der Kfz-Versicherer und deren Schadenlenker nach der Hochwasserkatastrophe 'missbraucht'“ , heißt es seitens des ZKF. In der Folge müssten die Werkstätten betriebswirtschaftlich sinnvolle Aufträge ablehnen. „Wir als ZKF fordern im Namen der Werkstätten die Kfz-Versicherer und Schadenlenker auf, diese Betriebsflächen nicht mit Totalschäden an Fahrzeugen zu blockieren und Reparaturflächen des Betriebes betriebswirtschaftlich nutzen zu lassen, heißt es [in der Forderung an Versicherer und Schadenlenker, die der Verband gestern nachmittag veröffentlicht hat.](https://schaden.news/download/link/pRGa) Der Landesverband Rheinland-Pfalz hat für betroffene Maler- und Lackierbetriebe einen Hilfsfond eingerichtet und mit 50.000 Euro ausgestattet, informierte Paul Kehle die Redaktion gestern nachmittag (21.07.). Zudem ruft der Verband auf, betroffene Betriebe zu melden oder diese auf die Hilfsmöglichkeiten der Rheinland-Pfälzer hinzuweisen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, in den Hifsfond zu spenden (Konto-Informationen finden Sie in der Infobox links oben). „Mitgliedsbetriebe, die von der Katastrophe betroffen sind, werden wir ansprechen und sofern es uns möglich ist, individuelle Unterstützungsmaßnahmen anbieten“, erklärte auch Michael Pinto, Geschäftsführer des Bundesverbands für Partnerwerkstätten (BVdP). Der Verband habe dazu Anfang dieser Woche eine Abfrage unter seinen Mitgliedsbetrieben gestartet. „Wenn es von den betroffenen Unternehmen gewünscht wird, werden wir auch die Unternehmen in der Nachbarschaft ansprechen, um eine Erstversorgung der Kunden aufrecht zu erhalten, also eine befristete Ausweichlösung zu finden.“ Nach eigenen Angaben ist der Verbandschef familiär selbst vom den Folgen des Unwetters betroffen. „Daher weiß ich, wie wichtig jede einzelne Hilfeleistung sein kann.“
Ina Otto