2026-07-15T09:51:08+0000

Schadenmarkt: Kommt jetzt die Pleitewelle?

Auch für viele Branchenkenner kommt das vorläufige Insolvenzverfahren der Kaupp Gruppe mit Firmensitz in baden-württembergischen Schramberg völlig überraschend. Besonders breit hatte sich Inhaber und Geschäftsführer Matthias Kaupp im Unfallreparaturmarkt, in der Industrielackierung und im Bereich Reklame aufgestellt. Kaum vorstellbar, dass die Unternehmensgruppe in Schieflage gerät. Und doch: „Das Amtsgericht Rottweil hat am 3. Juli für die Kaupp Oberflächentechnik GmbH, die Kaupp Unfall & Lack GmbH sowie die Werbepioniere GmbH Sicherungsmaßnahmen angeordnet und jeweils einen vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt“, heißt es in einem Zeitungsbericht der Neuen Rottweiler Zeitung. Von einer möglichen Firmenpleite wären also gleich drei Unternehmen mit insgesamt 90 Mitarbeitenden betroffen. Doch bei der Kaupp Gruppe ist noch völlig offen, ob es wirklich zur Insolvenz kommt. Anders scheint die Lage im bayerischen Unterschleißheim bei München: Schon Ende April meldete dort Gambs Fahrzeugtechnik Insolvenz an. Auch hier sind 90 Beschäftigte betroffen. Das Unternehmen steht laut Informationen des Webportals „Insolvenz-Radar“ wegen „Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung“ vor dem Aus. ## Immer mehr Firmenpleiten im Unfallreparaturmarkt Die Kaupp Gruppe und Gambs Fahrzeugtechnik sind zwei Unternehmen von immer mehr Betrieben, die von Insolvenz im Unfallreparaturmarkt bedroht sind. Seit Anfang des Jahres 2026 steigt die Anzahl der Insolvenzverfahren im Vergleich zum jeweiligen Vorjahreszeitraum von Monat zu Monat an. Die Redaktion schaden.news beobachtet die Entwicklung seit Jahren sehr genau. Eine aktuelle branchenspezifische Auswertung zeigt einen Anstieg eröffneter Insolvenzverfahren von knapp 20 Prozent innerhalb eines Jahres. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) mussten im Zeitraum Januar bis März dieses Jahres 66 Betriebe aus dem Unfallreparaturmarkt Insolvenz anmelden (siehe Grafik).[ Im neuesten Berichtsmonat April kommen noch einmal 29 weitere K&L-Werkstätten hinzu.](https://schaden.news/de/article/link/45139/insolvenzzahlen-april-2026) ## Die Branche steht mächtig unter Druck Eine Vielzahl negativer Faktoren kommen derzeit zusammen, die gerade für bereits angeschlagene Betriebe toxisch sind: Die Schadenhäufigkeit ist rückläufig, weil derzeit aufgrund der hohen Spritpreise weniger Auto gefahren wird und mehr intelligente Fahrerassistenzsysteme auch in Volumenmodellen verbaut sind. Darüber hinaus altert der Fahrzeugbestand so stark, dass es bei Blechschäden häufiger zu Totalschäden kommt, weil die Reparatur unwirtschaftlich ist. Zudem steigt die fiktive Abrechnung aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage vieler Verbraucherinnen und Verbraucher bundesweit gravierend an. Diese Entwicklungen sorgen dafür, dass das Reparaturvolumen und damit die Auslastung in den K&L-Betrieben schon seit Monaten spürbar zurück geht – auch in der Schadensteuerung. Also keine konjunkturelle Delle, sondern eine längere Phase. Eine Situation, die gerade große Werkstätten wie Gambs Fahrzeugtechnik und die Kaupp Gruppe extrem stark unter Druck setzt, weil sie in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen sind, in ihr Unternehmen investiert haben und deshalb fortwährend ein hohes Reparaturvolumen brauchen. Gleichzeitig setzen enorme Kostensteigerungen allen Reparaturfachbetrieben immens zu. Diese Marktentwicklung führt auch die Kaupp Gruppe als Begründung für das Insolvenzverfahren an. In einer Information auf der Website des Unternehmens heißt es: „Hintergrund der Antragstellung sind die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der vergangenen Jahre. Insbesondere die anhaltend schwache Konjunktur in den relevanten Branchen, gestiegene Energie- und Betriebskosten sowie zusätzliche Belastungen aus der im Jahr 2022 vorgenommenen Unternehmensaufspaltung haben die wirtschaftliche Entwicklung der Gruppe erheblich beeinträchtigt. Geplante Umsätze konnten unter diesen Rahmenbedingungen nicht erreicht werden.“
## In die Falle von zu niedrigen Stundensätzen getappt? Teure Energie, steigende Preise für Verbrauchs- und Lackmaterialien und nicht zuletzt die starken Lohnsteigerungen der letzten Jahre werden einigen K&L-Betrieben jetzt zum Verhängnis – vor allem für die Reparaturfachwerkstätten, die ihren Stundensatz in der Vergangenheit nicht oder nur unzureichend angepasst haben. Auch die veränderten Rahmenbedingungen in der Schadensteuerung können zu Problemen führen. Zur Erinnerung: [Der Schadensteuerer Innovation Group hatte mit seinen neuen Verträgen Anfang des Jahres flächendeckend geringere Stundensätze durchgesetzt. ](https://www.schaden.news/de/article/link/44892/stress-mit-stundensaetzen-von-innovation-group) Das steigert in einigen Partnerwerkstätten jetzt noch weiter den ohnehin schon hohen Druck. Vor allem dann, wenn nur das gering vergütete gesteuerte Reparaturvolumen aus Stuttgart in der Werkstatt ankommt, die besser bezahlten Jobs wegbrechen. ## Die schwierige Marktsituation hat Folgen für das ganze Schaden-Business Den aktuellen Negativtrend betrachten auch Werkstattausrüster und Lackhersteller mit großer Sorge. In verschiedenen Hintergrundgesprächen, die die Redaktion Mitte Juli führte, wird klar, dass Lieferanten von Verbrauchs- und Lackmaterial die anhaltend schlechte wirtschaftliche Lage im Schadenmarkt jetzt neu bewerten. „Wir haben unser Controlling deutlich verschärft“, erklärt ein Gesprächspartner aus der Lackindustrie und nennt ein ernstes Warnsignal: „Noch vor Kurzem haben unsere Kunden regelmäßig Skonto bei der Rechnungszahlung genutzt. Derzeit werden Zahlungen aufgeschoben, weil die Liquidität fehlt.“ Auch Mahnverfahren häufen sich. Kommen immer mehr Betriebe in Zahlungsschwierigkeiten hat dies eben auch Auswirkungen auf den gesamten Markt, die beim Fachhandel schon jetzt zu spüren ist. Nach Angaben aus Branchenkreisen stürzt manch K&L-Händler im ersten Halbjahr tief ins Umsatzminus. ## Kaupp Gruppe will Neuanfang Natürlich führen am Ende immer auch betriebsspezifische Gründe zu einer Insolvenz. Doch die Großwetterlage im Schadenmarkt ist derzeit so ungünstig, dass offenbar immer mehr K&L-Betriebe in schweres Fahrwasser geraten. Und ein Ende der Negativspirale ist kaum abzusehen. In den Sommermonaten wird keine wirtschaftliche Dynamik erwartet und „die globalen Krisen bleiben uns wahrscheinlich leider auch im Herbst erhalten“, heißt es unisono in den Gesprächen die schaden.news führte. In Baden-Württemberg versucht die Kaupp Gruppe ein Firmenpleite noch abzuwenden. In der Erklärung zum vorläufigen Insolvenzverfahren steht: „Die Geschäftsführung betrachtet das Verfahren als Chance für einen nachhaltigen Neuanfang. Es soll eine umfassende Restrukturierung umgesetzt werden, um die Gruppe dauerhaft wettbewerbsfähig und profitabel aufzustellen. Kern des Konzeptes ist die Konzentration der Aktivitäten, sowie die Bündelung der Geschäftsbereiche in einer gemeinsamen, leistungsfähigen Unternehmensstruktur.“ Geschäftsführer Matthias Kaupp erklärt zudem: „Die aktuelle Situation ist herausfordernd, gleichzeitig bietet uns das Verfahren die Möglichkeit, notwendige strukturelle Veränderungen schneller und konsequent umzusetzen. Unser Ziel ist es, unsere Kunden auch künftig mit der gewohnten Qualität, Zuverlässigkeit und gutem Service zu bedienen.“