2026-06-24T08:45:52+0000

Perfekte Symbiose: Fahrzeuglackierermeisterin und Kfz-Sachverständige

„In meiner Familie sind fast alle Lehrer. Irgendwie wusste ich aber schon früh, dass das nichts für mich ist. Mich hat das Handwerk gereizt. Ich wollte praktisch arbeiten, Dinge erschaffen und Ergebnisse sehen“, erzählt Ulrike von Müller. Schon als Jugendliche war für die heute 43-Jährige klar, dass sie einen handwerklichen Beruf erlernen möchte. Doch der Einstieg ins Berufsleben gestaltete sich holprig, denn Frauen waren Anfang der 2000er-Jahre noch eher die Seltenheit in technischen oder handwerklichen Berufen. Bei einem ihrer ersten Vorstellungsgespräche in einem Autohaus erhielt sie eine Absage, die ihr bis heute in Erinnerung geblieben ist. „Damals hieß es, ich sei zwar die beste Bewerberin gewesen, aber sie könnten mich nicht einstellen, weil ich ‚zu weiblich‘ sei“, erinnert Ulrike von Müller sich im Gespräch mit schaden.news. Aufhalten ließ sie sich davon nicht. Über Umwege kam sie zum Beruf der Fahrzeuglackiererin – und fand genau das, wonach sie gesucht hatte. „Das hat sich dann herausgestellt, dass das so richtig mein Ding ist“, erinnert sie sich. ## Meisterschule statt Komfortzone Nach ihrer Ausbildung zur Fahrzeuglackiererin blieb Ulrike von Müller zunächst noch eine Zeit lang in ihrem Lehrbetrieb in Ostholstein, wechselte anschließend in einen größeren Full-Service-Betrieb in der Region. Dort sollte sie fast 15 Jahre bleiben. In dieser Zeit übernahm sie immer mehr Verantwortung, sprang als Vertretung ein und gestaltete Abläufe im Betrieb mit. „Für mich war es irgendwann nur logisch, den Meister zu machen“, sagt sie rückblickend. Ihre Entscheidung führte sie an die Badische Malerfachschule in Lahr – eine der renommiertesten Adressen für Fahrzeuglackierer in Deutschland. Für ein Jahr zog die Norddeutsche ins rund 800 Kilometer entfernte Süddeutschland. Die Meisterschule finanzierte sie selbst. Eine Investition in die eigene Zukunft, die sich jedoch zunächst nicht auszahlen sollte. Zwar konnte sie nach ihrer Rückkehr wieder in ihren Betrieb einsteigen, die neue Qualifikation spiegelte sich dort jedoch weder in den Aufgaben noch in der Bezahlung wider. Für Ulrike von Müller war klar: Wenn sie sich weiterentwickeln wollte, musste sie erneut einen Schritt nach vorne wagen. ## Vom Lackiererhandwerk ins Sachverständigenwesen Der anschließende Wechsel in einen anderen Betrieb entwickelte sich jedoch nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Schnell wurde deutlich, dass die Arbeitsbedingungen und die Unternehmenskultur nicht zu ihren Vorstellungen passten. Gleichzeitig stellte sie fest, dass ihre Qualifikationen viele kleinere Betriebe eher abschreckten als anzogen. Für manche Positionen war sie überqualifiziert, für andere gab es schlicht keine passenden Entwicklungsmöglichkeiten. In dieser Phase begann sie nach Alternativen zu suchen. Dabei rückte ein Bereich in ihren Fokus, mit dem sie bis dahin eher am Rande Berührungspunkte gehabt hatte: die
Tätigkeit als Kfz-Sachverständige. Je intensiver sie sich damit beschäftigte, desto deutlicher wurde ihr, wie wertvoll ihre praktische Erfahrung aus mehr als zwei Jahrzehnten Fahrzeuglackierung für diesen Beruf sein konnte. Also entschied sie sich erneut für Weiterbildung und absolvierte eine einjährige Qualifizierung zur zertifizierten Kfz-Sachverständigen. Erst während der Weiterbildung keimte der Gedanke, sich selbstständig zu machen. ## Perfekte berufliche Symbiose Seit Oktober 2024 ist Ulrike von Müller nun als selbstständige Kfz-Sachverständige in Ostholstein unterwegs, erstellt Schadengutachten oder Fahrzeugbewertungen für Privatpersonen und Werkstätten. Ihre handwerkliche Ausbildung kommt ihr dabei enorm zugute. Ob Lackaufbauten, Farbtonanpassungen, Restaurierungen oder Reparaturverfahren – das, was sie in ihren Gutachten bewertet oder kalkuliert, basiert auf jahrzehntelanger praktischer Erfahrung. Und dennoch bleiben auch heute – über 25 Jahre später – die Vorurteile nicht aus. Manch potenzielle Auftraggeber sind überrascht, wenn eine Frau als Sachverständige erscheint. Immer wieder werde auch gefragt „warum machen Sie das?“ und „Sie machen das mit Ihrem Mann zusammen?“, erzählt sie gegenüber schaden.news. Doch die Fahrzeuglackierermeisterin hat gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. Viel wichtiger sei ihr, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und Vertrauen aufzubauen. ## Permanente Weiterbildung ist das A und O Der Schritt zur Sachverständigen war für Ulrike von Müller gleichzeitig der Beginn eines neuen Lernprozesses. Denn im Schadenmanagement verändern sich technische und rechtliche Rahmenbedingungen ständig. Neue Fahrzeugtechnologien, Herstellervorgaben, Reparaturmethoden oder Gerichtsurteile können unmittelbare Auswirkungen auf die tägliche Arbeit haben. Deshalb investiert sie regelmäßig in Fortbildungen, verfolgt aktuelle Urteile und informiert sich kontinuierlich über technische sowie schadenrechtliche Entwicklungen. „Man muss einfach permanent am Ball bleiben“, betont sie. Für sie gehört es zur Verantwortung einer Sachverständigen, nicht nur technische Zusammenhänge zu verstehen, sondern auch die rechtlichen Grundlagen sicher einordnen zu können. Genau vor diesem Hintergrund entschied sie sich auch für eine Mitgliedschaft im VKS, Verband der unabhängigen Kraftfahrzeug-Sachverständigen e.V. Die Mitgliedschaft steht für fachlichen Austausch, kontinuierliche Weiterbildung und unabhängige Sachverständigentätigkeit. Nur so lasse sich gewährleisten, Geschädigte fachlich korrekt betreuen und Schäden vollständig sowie nachvollziehbar bewerten zu können. ## „Das Lackieren bleibt meine größte Leidenschaft“ Trotz ihrer Selbstständigkeit als Sachverständige schlägt ihr Herz bis heute für das Lackieren. Auch deshalb arbeitet sie parallel noch zusätzlich in Teilzeit als Fahrzeuglackierermeisterin im Betrieb Gradtke & Wieczorek in Lübeck, wo sie in der Lackierkabine steht. Aber nicht nur um ihrer Leidenschaft zu folgen, sondern auch um weiterhin den praktischen Bezug zu behalten, Neuheiten in Technik und Verfahren selbst zu erleben und in ihre Gutachtertätigkeit zu adaptieren. „Das ist meine größte Leidenschaft“, sagt Ulrike von Müller ohne zu zögern. Gleichzeitig weiß sie, wie anspruchsvoll die Arbeit körperlich ist. Die Stunden im Vollschutzanzug, die Belastung für Rücken, Knie und Gelenke – all das hinterlässt Spuren. Schon vor ihrer Meisterausbildung wurde ihr bewusst, dass sie diesen Beruf nicht bis ins Rentenalter im gleichen Tempo würde ausüben können. Genau deshalb ist die Kombination aus Lackierhandwerk und Sachverständigentätigkeit heute die perfekte Lösung für sie.
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