2023-06-21T07:36:21+0000

„Die 4-Tage-Woche ist ein Test, der bis jetzt sehr gut funktioniert“

„Machen statt meckern“ lautet die Devise von Onur Cevik. Der Geschäftsführer der MG Die Autolackiererei GmbH im Rhein-Erft-Kreis kämpft wie nahezu alle Betriebsinhaber mit dem massiven Fachkräftemangel, hat zunehmend Probleme qualifizierte Fachkräfte und Auszubildende zu finden. Um sich als Arbeitgeber attraktiv aufzustellen, hat er deswegen vor Kurzem die Vier-Tage-Woche eingeführt – ein Arbeitszeitmodell, dass auch in der K&L-Branche zunehmend diskutiert wird. „Unser Ziel ist es, unseren Mitarbeitern ein gutes Gefühl bei der Arbeit zu geben. Nur ein Mitarbeiter, der sich wohl fühlt, wird volle Leistung bringen können. Außerdem wollen wir uns von der Masse abheben, einen modernen Standard in unserem Unternehmen schaffen und damit auch potenzielle Fachkräfte und Azubis auf uns aufmerksam machen“, erklärt der 35-Jährige im Gespräch mit schaden.news seine Beweggründe. ## „Los, wir probieren das“ Den Impuls für die Entscheidung gab ein Netzwerktreffen junger Unternehmerinnen und Unternehmer des Lackherstellers PPG | Nexa Autocolor. „Der Q-Kreis von PPG hat sich im März im Rahmen der Karosserie- und Schadenstage zum gemeinsamen Austausch getroffen. Auf der Agenda stand dieses Mal auch das Thema Arbeitgeberattraktivität und in diesem Zusammenhang die Vier-Tage-Woche. Noch aus Würzburg habe ich meinen Betriebsleiter angerufen und gesagt: ‚Los, wir probieren das aus‘.“ Gut 1,5 Monate später waren die Vorbereitungen für das neue Arbeitszeitmodell in Kerpen bei Köln abgeschlossen. Seit dem 1. Mai haben die Mitarbeiter der MG Die Autolackiererei GmbH die Möglichkeit, auf die 4-Tage-Woche umzustellen – je nach Wunsch bei 40 oder auch 32 Wochenstunden, dann mit entsprechend angepasstem Gehalt. „Aktuell nutzen 5 meiner 20 Mitarbeiter das Angebot, alle auf 40-Stunden-Basis. Die freien Tage vereinbaren wir mit jedem Kollegen individuell in der Woche vorher, es gibt also keine festen Tage“, erklärt der Geschäftsführer. ## „Besser als erwartet, Umstellung im Prozess nicht notwendig“ Das neue Arbeitszeitmodell läuft zunächst als Testphase bis Jahresende, aber – so Onur Cevik gegenüber schaden.news – „Stand jetzt muss ich sagen, dass die Sache besser läuft als erwartet, die Kollegen sind ebenfalls zufrieden und dementsprechend werden wir es wohl auch 2024 weiterführen.“ Umstellungen im Prozess oder gar die Änderung der Öffnungszeiten aufgrund der 4-Tage-Woche waren laut Onur Cevik nicht notwendig, „da es aktuell nur ein Viertel der Belegschaft betrifft und jeder seinen freien Tag wochenaktuell festlegt, ändert sich für die Kunden nichts.“ Tatsächlich sei die teils verlängerte Arbeitszeit der Kollegen sogar von Vorteil bei Aufträgen, die tagesaktuell abgearbeitet werden müssten. ## Job-Bikes, Fitnessstudio und Co. Die Vier-Tage-Woche setzt Onur Cevik nun auch gezielt zur Mitarbeitergewinnung ein. „Wir haben spezielle Ads über Social Media-Kanäle geschalten, in denen wir mit der 4-
Tage-Woche werben. Immerhin einen neuen Fahrzeuglackierer haben wir so schon gefunden. Ich hoffe, dass wir über Social Media und Mundpropaganda künftig noch mehr Fachkräfte gewinnen können, deswegen bauen wir unsere Aktivitäten hier bewusst weiter aus.“ Flexible Arbeitszeiten sind übrigens nur einer von vielen Anreizen, die der junge Geschäftsführer seinem Team bietet. Auch Job-Bikes, 30 Tage Urlaub und eine Mitgliedschaft beim Anbieter Urban Sports Club stellt er seinen Angestellten zur Verfügung. „Seit vielen Jahren wird in unserer Branche über den Fachkräftemangel gemeckert, aber ich will aktiv etwas dagegen tun. Das fängt bei der Ausbildung an“, betont er gegenüber schaden.news. ## „Politik und Jugendliche haben falsches Bild vom Handwerk“ Aktuell stehen zwei Auszubildende von MG Die Autolackierer vor der Freisprechung. „Beide werden wir übernehmen und ihnen durch gezielte Förderung noch mehr Möglichkeiten geben sich zu entwickeln. Denn nur so sichere ich mir für die Zukunft Fachpersonal“, erklärt der 35-Jährige seine Strategie. Doch auch die Neubesetzung der Ausbildungsstellen gestaltet sich schwierig, die Zahl der Bewerber nimmt immer weiter ab. „Die Jugendlichen haben teilweise gar keine Vorstellung von den Berufen im K&L-Bereich und was sich eigentlich dahinter verbirgt. Dieses Problem wird zum Teil von der Politik und den Medien verursacht. Denn auch dort gilt unser Handwerk häufig immer noch als dreckig, umweltbelastend und nicht lukrativ.“ Besonders bemerkbar mache sich dies aktuell bei der Grundstückssuche, wie der Geschäftsführer berichtet. „Wir wollen uns vergrößern und suchen seit Längerem ein Grundstück. Von den Behörden und der Stadt erhalten wir hier leider keine Unterstützung und erfahren dann gleichzeitig, dass Grundstücke, die wir angefragt hatten und angeblich nicht zur Vermarktung standen, an andere Firmen vergeben wurden.“ Trotz all der Widrigkeiten schaut Onur Cevik positiv nach vorn: „Ich habe ein tolles Team und hoffe, dass ich dieses mit den Maßnahmen weiter vergrößern kann.“
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