2021-07-21T12:38:09+0000

Wie entwickeln sich Restwerte für Unfallfahrzeuge und Autoteile?

Kfz-Versicherer richten in diesem Jahr verstärkt ihren Blick auf Restwerte von beschädigten Ersatzteilen, den Wiederbeschaffungswert und die Vorschäden bei der Wertermittlung. Beim Ermitteln von Restwerten ist auch CARTV als eine der führenden Restwertbörsen derzeit im Rahmen der Unwetterschäden stark involviert. Im Exklusiv-Interview erläutert Thorsten Böhm, einer der CARTV Geschäftsführer, wie er die aktuellen Entwicklungen einschätzt, wie es mit Fahrzeugwerten in Corona-Zeiten weitergeht und welche Herausforderungen Elektrofahrzeuge mit sich bringen. ___Herr Böhm, die schrecklichen Bilder aus den Unwetterregionen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern bestürzen uns. Auch die Versicherer stellt die Katastrophe vor Herausforderungen. Sicher wird das Thema auch Sie beschäftigen?___ __Thorsten Böhm__: Es ist wirklich absolut grauenvoll was da vielerorts passiert ist. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr die Berichte und Bilder, die uns erreicht haben, uns erschüttern. Ich denke, wir alle wollen nun helfen und unterstützen so gut es geht und das stellt unsere Partner in den betroffenen Regionen natürlich vor großen Herausforderungen. Die Versicherungen arbeiten mit Hochdruck daran schnellstmöglich und unbürokratisch Schadenersatz zu leisten, doch dafür müssen die Fahrzeuge erstmal besichtigt werden. Dort wo es möglich ist, besichtigen die Sachverständigen die betroffenen Fahrzeuge im Akkord und wir unterstützen bei der Restwertermittlung und auch bei der Abholung und gegebenenfalls Zwischenlagerung der Fahrzeuge. Sehr froh sind wir, dass wir in enger Zusammenarbeit mit einigen Versicherungen eine einfache Abwicklung zum Wiederbeschaffungswert anbieten können, denn hier erfolgt die Schadenersatzregulierung für den Geschädigten mit wenig Aufwand und vor allem innerhalb von sehr kurzer Zeit. So arbeiten wir alle Hand in Hand daran die Betroffenen zu unterstützen, aber natürlich möchten wir auch noch mehr tun. Bis zum Monatsende wird CARTV 50 Cent einer jeden Einstellung an Opfer der Hochwasserkatastrophe spenden, um auch so in Not geratene Menschen zu unterstützen. Ich befürchte allerdings, dass uns die Ereignisse noch über Wochen beschäftigen werden, die große Anzahl der Unwetterschäden an Fahrzeugen wird auch Folgen für den Restwertmarkt haben. ___Kommen wir zu unserem eigentlichen Thema unseres Interviews. In der Branche sorgte kürzlich die Nachricht für Aufregung, dass manche Versicherer bei der Unfallschadenregulierung die Restwerte von Ersatzteilen über Restwertebörsen berechnen und diesen Restwert bei der Abwicklung vom Regulierungswert abziehen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?___ __Thorsten Böhm__: Prinzipiell ist dieses Thema nicht neu. Deshalb hat uns die Aufregung hierzu etwas überrascht. Betroffen sind davon vor allem hochwertige Ersatzteile mit Werten von einigen hundert Euro. Sind solche Teile beschädigt, dürfen sie für die Instandsetzung nach Schadensersatzrecht häufig nicht mehr verwendet werden. Sie können aber weiterhin auf dem Reparaturmarkt verwendet werden. In solchen Fällen kann es für die Versicherer rentabel sein den Restwert zu ermitteln und ihn abzuziehen. ___Wie stark schätzen Sie, ist das Interesse der Versicherungen ein Teil bei Ihnen einzustellen und in Abzug zu bringen?___ __Thorsten Böhm__: Wie gesagt, muss ein Teil zunächst über einen ausreichend hohen wirtschaftlichen Wert verfügen. Außerdem muss es noch fachgerecht repariert werden können.
Durch diese beiden Faktoren ist der Anteil an Fahrzeugteilen sehr überschaubar und liegt bei uns im kleinen einstelligen Prozentbereich über alle eingestellten Teile hinweg. Im Rahmen von Nachhaltigkeit sollte dieses Thema an Bedeutung gewinnen. Denn Teile nach sach- und fachgerechter Reparatur wieder in den Markt zu bringen ist nachhaltig und sinnvoll. ___Wäre es dann nicht sinnvoll solche Teile unmittelbar mit dem Fahrzeug zu reparieren, anstatt sie über Restwertbörsen zu verkaufen?___ __Thorsten Böhm__: Das hängt vor allem von den Vorgaben des Versicherungsrechts ab. Bei einigen Teilen ist eine sach- und fachgerechte Reparatur möglich, jedoch werden diese aktuell bei der Schadenregulierung oft getauscht. ___Der Weiterverkauf eines beschädigten Ersatzteils ist innerhalb der EU dennoch nicht unkritisch. Wohin werden solche Teile verkauft?___ __Thorsten Böhm__: Die Ersatzteile bleiben meist im deutschen, beziehungsweise europäischen Markt. Voraussetzung bleibt jedoch deren sach- und fachgerechte Reparatur. Sobald die so instandgesetzten Teile wieder der Straßenverkehrszulassungsordnung (StVzO) entsprechen, dürfen sie wieder genutzt werden. Die finale Entscheidung zum Einsatz eines reparierten Ersatzteils trägt die Fachwerkstatt, wie Sie diese auch bei jeder weiteren Reparatur trifft. ___Bei Gutachten, die auf Restwertbasis erstellt werden, sieht aktuell vor allem die HUK-Coburg genauer hin und verweist darauf, dass diese so nicht haltbar seien. Spielt dieses Thema bei Ihnen auch eine Rolle?___ __Thorsten Böhm__: Das ist für uns als Restwertbörse weniger relevant, da es hier vor allem um Vorschäden geht. Wir sehen allerdings eine höhere Nachfrage für das Ermitteln von Wiederbeschaffungswerten. Das heißt: Welchen Wert hatte ein Fahrzeug unmittelbar vor dem Unfall? Bei der Vorschadenermittlung und -regulierung sind wir nicht involviert. ___Aktuell sind starke Preissteigerungen im Gebrauchtwagenmarkt zu verzeichnen, wie auch eine Studie der DAT zeigt. Macht sich das auch bei den Restwerten bemerkbar?___ __Thorsten Böhm__: Im letzten Jahr, während der Corona Pandemie, waren die Restwerte sehr stark zurück gegangen. Das lag unter anderem daran, dass bei uns Händler Gebote abgeben, die für vier Wochen bindend ist. Die durch die Pandemie entstandene Unsicherheit führte dazu, dass die Händler deutlich zurückhaltender Gebote abgaben. Seit Anfang dieses Jahres sind die Restwerte allerdings wieder deutlich gestiegen und haben sogar teilweise Werte erreicht, die über dem Vor-Corona-Niveau lagen. Das liegt nicht zuletzt an dem deutlich geringeren Verkehrsaufkommen während der Kontaktbeschränkungen, wodurch deutlich weniger Fahrzeuge in der Totalschadenabwicklung reguliert wurden. Denn für die Restwerte sind dabei vor allem die wirtschaftlichen Totalschäden relevant. Außerdem entschieden sich die Fahrzeughalter in der wirtschaftlich unklaren Zeit vermehrt dazu, ihre Autos zu behalten, anstatt sie in die Totalschadenabwicklung zu geben. Insgesamt war dadurch das Angebot an Fahrzeugen niedriger und gleichzeitig die Nachfrage höher. In der Folge boten die Händler mehr. ___An welchen Themen arbeitet CARTV aktuell und für die Zukunft?___ __Thorsten Böhm__: Weiterentwicklung ist unsere DNA, daher ist Stillstand Rückschritt. So beschäftigte uns bereits vor Corona beispielsweise die Elektromobilität. Denn die verstärkt auf den Markt kommenden Hochvoltfahrzeuge, stellen uns und auch die Händler vor neue Herausforderungen. Ein gutes Beispiel ist der Renault Zoe: Das Fahrzeug gehört dem Halter, die Batterie allerdings dem Hersteller. Das führt immer wieder zu Problemen, wenn das Fahrzeug verkauft wird. Den Fahrzeughaltern ist dabei oft gar nicht bewusst, dass sie nur noch einen Teil des Autos besitzen. Ein weiteres Thema ist das Lagern und der Transport von E-Fahrzeugen. Ein weiteres Thema ist unsere All-in-Wiederbeschaffungswertregulierung: Hier bieten wir zusammen mit der Versicherung dem Fahrzeughalter die Option an, direkt den kompletten Wiederbeschaffungswert ausgezahlt zu bekommen und dies ohne Abzug des Restwertes. Ein Service, der sowohl für den Fahrzeughalter sehr komfortabel ist und auch für die Versicherung Mehrwerte bietet. ___Vielen Dank für unser Gespräch!___
Christian Simmert