2020-03-18T16:26:53+0000

Corona-Krise: Kommt die Branche zum Stillstand?

Bereits in den vergangenen Wochen hat die Verbreitung des Coronavirus das Verhalten vieler Betriebe verändert. Mitarbeiterunterweisung, Kundeninformation und spezielle Vorsichtsmaßnahmen – bisher hielten sich die Einschränkungen meist in Grenzen. Die Lage hat sich nun nach den [neuen Einschränkungen der Bundes- und Landesregierungen](https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/vereinbarung-zwischen-der-bundesregierung-und-den-regierungschefinnen-und-regierungschefs-der-bundeslaender-angesichts-der-corona-epidemie-in-deutschland-1730934) zur Corona-Epidemie grundlegend geändert. ## Zentralverband rechnet mit Einbruch der Auftragslage Nach wie vor sind Karosserie- und Lackierbetriebe von den Schließungen der Geschäfte nicht betroffen. Der Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF) teilt dazu mit: „Werkstätten wie Tankstellen oder Lebensmittelläden gehören zu den Bereichen der nötigen Grundversorgung, die nicht von den angeordneten Schließungen betroffen sind.“ Dennoch rechnet der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes mit gravierenden Auswirkungen auf die Reparaturfachbetriebe. „Wir werden in kurzer Zeit aufgrund der Einschränkung der Mobilität deutlich weniger Verkehrsunfälle verzeichnen und damit auch einen Rückgang der Unfallschadenreparaturen“, erklärt Thomas Aukamm auf Nachfrage von schaden.news. Schon jetzt laufen die Drähte in Friedberg heiß. „Viele Betriebe erkundigen sich nach der rechtlichen Situation und fragen nach Informationen zum Kurzarbeitergeld.“ [Daher hat der Zentralverband zahlreiche Infos auf seiner Website zusammengestellt.](https://www.zkf.de/) ## Weniger Reparaturaufträge in Berlin Die Lage der Karosserie- und Lackierbetriebe ist von Region zu Region sehr unterschiedlich. Berlin hat als erste Metropole in Deutschland drastische Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus ergriffen. Daher sind hier die Auswirkungen wohl am ehesten für K&L-Betriebe zu spüren. Betriebsinhaber André Hoffmann in Berlin verzeichnete bereits Anfang dieser Woche deutlich weniger Reparaturaufträge. Normalerweise steht der Werkstatthof im Bezirk Tempelhof voller Unfallschäden, jetzt sind es deutlich weniger. Die Aufträge gingen um rund 80 Prozent zurück. Von einem Tag auf den andren, lautet die Erfahrung des 35-Jährigen. „Der Verkehr auf den Straßen in Berlin hat deutlich abgenommen, momentan gibt es daher kaum Unfälle und somit auch keine Reparaturen.“ André Hoffmann hat noch bis Ende dieser Woche (KW 12) Arbeit. Verändert sich die Lage nicht, will kommt für ihn auch die kurzfristige Schließung und die Beantragung von Kurzarbeitergeld in Betracht. Allerdings stellt er auch fest: „Die Behörden und Finanzämter sind überfordert, ihnen fehlen konkrete Informationen zur Umsetzung der Beschlüsse von Land und Bund.“ ## „In der Ruhe liegt die Kraft“ Zeichnet sich in der Hauptstadt das ab, was künftig die ganze Republik zu treffen droht? Das kann wohl keiner sagen. Momentan scheint es in den meisten K&L-Betrieben zumindest noch keinen Auftragseinbruch zu geben. Zwar spüren auch einzelne Karosserie- und Lackierbetriebe in Teilen von Nordrhein-Westfalen ebenfalls einen deutlichen Rückgang des Reparaturvolumens ähnlich wie in Berlin, doch noch scheinen sich die meisten Betriebe nicht im Krisenmodus zu befinden.
Spricht man mit Betriebsinhaber und dem stellvertretenden Bezirkshandwerksmeister Kay Dähn in Hamburg spürt man seine Gelassenheit. „Wir sind in den nächsten Wochen nahezu ausgebucht und haben bisher keine Absagen“, erklärt der erfahrene Geschäftsführer der Herbert Dähn GmbH. Seiner Meinung nach kommen gut aufgestellte Betriebe auch durch die Corona-Krise. Entscheidend sei, dass man in den vergangenen Jahren ordentlich gewirtschaftet hat. „Wie immer gilt: In der Ruhe liegt die Kraft. Wir haben unsere Mitarbeiter immer wieder eingebunden und über die aktuelle Lage gesprochen.“ Daraus folgt, dass auch bei Schließung von Kitas und Schulen eine tragfähige Lösung gefunden wird und der Betrieb trotzdem weiterläuft. ## Probleme bei der Einreise von ausländischen Fachkräften Auch in Brehna zwischen Halle (Saale) und Leipzig geht der Betrieb von AW Technik momentan noch ohne Probleme weiter. Zwar beurteilt Inhaber Florian Weber, der zurzeit das Betriebsgebäude erweitert, die Lage bei einer langanhaltenden Corona-Krise kritisch, doch bisher hat das Virus keine Auswirkungen auf seine Reparaturaufträge. Sorgen bereitet dem jungen Betriebsinhaber jedoch die Situation seiner polnischen Fachkräfte. „Wir wissen nicht, wie lange die Grenzöffnung für unsere Mitarbeiter noch gilt und ob es möglicherweise bei der Rückkehr in Polen Probleme mit der Quarantäne gibt.“ Der Anteil der ausländischen Mitarbeiter beträgt bei AW Technik rund 25 Prozent. Das wäre ein Schlag ins Kontor. Die Stadt Halle (Saale) zählte zu den ersten Städten bundesweit, die Kitas und Schulen geschlossen hat. Davon sind auch Mitarbeiter bei AW Technik betroffen. Die Erfahrung von Florian Weber zeigt jedoch, dass es hier bisher auch keine Probleme gab. Anders sieht die Lage in Bayern aus. Dort steht ein Karosserie- und Lackierbetrieb mächtig unter Druck. Ausländische Fachkräfte kommen nicht mehr zurück nach Deutschland und fehlen so in der Lackierkabine und an den Karosseriearbeitsplätzen. Auch die Reparaturaufträge werden weniger, es hagelt in dieser Woche (KW 12) reihenweise Stornierungen. Für den Betriebsinhaber steht die Branche am Beginn einer Zeitenwende, er meint: „Nach der Corona-Krise wird alles anders. Mehr Digitalisierung, eine starke Marktkonsolidierung und vor allem: die Betriebe, die übrig bleiben sind hoch verschuldet.“ ## Wie ist die Lage im Kreis Heinsberg? Vor rund zwei Wochen berichtete schaden.news über den Betrieb von André Schreinemachers in Hückelhoven im Kreis Heinsberg, in dem die Corona-Krise ihren Anfang nahm. Die Redaktion hat nun erneut nachgefragt wie die Lage in der AS Autoklinik ist. Die gesteuerten Schäden seien noch nicht weniger geworden, heißt es dort. „Wir haben bisher nur ein paar Terminabsagen oder Verschiebungen aufgrund von Corona“, erklärt André Schreinemachers. „Die Situation der fehlenden Laufkundschaft hat sich in den letzten 14 Tagen etwas verbessert. Es scheint, als ob sich die Bevölkerung für den Moment mit der Situation abgefunden hat. Wie es allerdings für die Zukunft aussieht, kann ich nicht sagen.“ Der Betrieb spielt derzeit einige Szenarien durch: vom Einbruch des gesteuerten Geschäfts bis hin zur Schließung des gesamten Betriebes. „Im Moment gehen wir davon aus, dass wir so lange geöffnet haben, bis wir nicht mehr einsatzfähig sind oder eine Schließung von Seite der Regierung angeordnet wird.“ Schon seit einigen Wochen haben Schulen und Kitas in den betroffenen Gebieten geschlossen. Bisher stemmen Mitarbeiter und Chef die Lage ebenfalls ohne Probleme.
Womit rechnet der Betriebsinhaber André Schreinemachers in den nächsten Wochen? „Ich male nicht gerne schwarz und bin ein äußerst optimistischer Mensch, aber diese besondere Situation fordert im Moment die ganze Nation“, erklärt er in seiner Antwort an die Reaktion. „Persönlich rechne ich nicht mit einem schnellen Ende der Corona-Krise. Ich denke, wir stehen gerade erst am Anfang und werden uns noch lange auf Einschränkungen im Alltag einstellen müssen.“ Ebenfalls rechnet André Schreinemachers auch mit noch stärkeren Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Die Folge aus seiner Sicht: „Wo weniger gefahren wird, passieren auch weniger Unfälle. Und weniger Unfälle bedeutet weniger Aufträge.“ Positiv sieht der Geschäftsführer der AS Autoklinik die „Signale der Bundesregierung, dass von Einbußen betroffenen Unternehmen unbürokratisch geholfen werden soll. Ich habe im Bekanntenkreis einige Firmen, die sonst vor dem Ruin stehen. Und das sind Unternehmen, welche bis heute absolut gesund waren.“ ## Lackmarkt: Schulungen fallen aus, Kundenservice wird eingeschränkt Spätestens nach dem Erlass der Bundesregierung vom 16. März 2020 zur Einschränkung des öffentlichen Lebens, werden in der Branche nun auch keine Schulungen mehr durchgeführt. Schon in den vergangenen Tagen hatten Lackhersteller und Werkstattausrüster ihre Angebote reduziert oder ganz gestrichen. Auswirkungen hat die Corona-Krise auch auf den Kundenservice der Zulieferer für K&L-Betriebe. Noch scheint die Belieferung mit Lack- und Verbrauchsmaterial zu laufen, nur bei den Staubschutzmasken gibt es Lieferengpässe. Allerdings schränken immer mehr Lackhersteller ihre Kundenbetreuung ein, sodass die Unterstützung durch Anwendungstechniker oder Kundenbetreuer schon heute teilweise oder ganz eingestellt wird. Wie die Lage sich weiter entwickelt bleibt momentan weiter unsicher. Ob die Branche also tatsächlich zum Stillstand kommt, ist absolut offen.
Christian Simmert