2020-01-29T14:38:28+0000

Talk : Welcher Weg führt aus der Fachkräfte-Krise?

„Hart aber Fair – haben wir bald keine Fachkräfte mehr?“ – unter diesem Titel diskutierten beim Deutschen Lackierertag Ende Januar junge Betriebsinhaber, Verbände und vor allem auch: junge Fachkräfte über eines der Themen, die die Branche derzeit am häufigsten beschäftigt. Auf die Bühne gebeten hatte Moderator und schaden.news-Chefredakteur Christian Simmert dazu die jungen Geschäftsführer Niclas Brettner und Michaela Müller sowie die Fahrzeuglackiergesellin Laura Philipp und Mariusz Dechnig, Fachzentrumsleiter Malen und Gestalten, Fachbereichsleitung Maler und Lackierer Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main. Ebenfalls auf dem Podium: Tilo Jänsch, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Potsdam, Mathias Bucksteeg, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Farbe, Gestaltung und Bautenschutz sowie ZKF-Präsident Peter Börner. ## Der Branche gehen die Azubis aus Dass der Branche die Fachkräfte ausgehen, untermauerte Moderator Christian Simmert gleich zu Beginn mit aktuellen Fakten: 2019 ist die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Vergleich zum Vorjahr bei den Karosseriebauern um 6,4 Prozentpunkte zurückgegangen. Bei den Fahrzeuglackierern waren es 1,5 Prozentpunkte weniger Verträge und die Kfz-Mechatroniker verzeichneten ein Rückgang der Azubis um 2,6 Prozentpunkte. ## Fachkräfte aus dem Ausland – eine Option? Doch woher sollen qualifizierte Mitarbeiter kommen, wenn es schon am Nachwuchs mangelt? Betriebsinhaber Hasan Hüseyin Eren, Gastgeber des Deutschen Lackierertags, sieht Potenzial bei Fachleuten aus dem Ausland, betont aber: „Die bürokratischen Hürden in Deutschland sind zu hoch. Wir benötigen staatliche Unterstützung, um leichter an Fachkräfte zu kommen.“ Er berichtete auf der Bühne von seinen zeitraubenden und vergeblichen Versuchen, bei den deutschen Behörden die Genehmigung zu erhalten, Fachkräfte aus dem Ausland in seinen Betrieb zu holen. Auch Geschäftsführer Niclas Brettner sprach sich dafür aus, sich als Betriebsinhaber auf Fachkräfte mit Migrationshintergrund einzustellen. „Denn den Fachkräftemangel spüren wir schon seit Jahren – auch über unsere Branche hinaus“, begründete er und berichtete von seinen Maßnahmen im Betrieb: „Wir sind im Umgang mit den Mitarbeiten in den vergangenen Jahren immer offener und flexibler geworden und arbeiten viel mit Migranten und Flüchtlingen“, beschreibt er die Situation. Um die 20 Nationen arbeiten in seinem Betrieb. Die Sprachbarriere sei dabei oft die größte Herausforderung. Feste Regeln und Strukturen, die jeder Mitarbeiter versteht, seien daher entscheidend, um das gesamte Team in der Werkstatt ins Boot zu holen – und auch dort zu halten. ## Was bringt das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz? Welche Möglichkeiten haben Betriebe überhaupt, an Mitarbeiter aus dem Ausland zu kommen? Tilo Jänsch von der Handwerkskammer Potsdam verwies in diesem
Zusammenhang auf das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das im März 2020 in Kraft treten soll: Es ermögliche Betrieben, über den Arbeitgeberservice der Arbeitsagenturen in Nicht-EU-Ländern nach geeigneten Fachkräften zu suchen und diese vermittelt zu bekommen. Tilo Jänsch räumte jedoch ein, dass das neue Gesetz nur dabei unterstütze, bereits ausgebildete Fachkräfte ins Land zu bringen. „Aber es ist ein kleiner Schritt, um den Fachkräftemangel zu beheben“, erklärte er. Dem widersprach Mathias Bucksteeg vom Bundesverband Farbe scharf: „Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz taugt nichts“, stellte er seine Meinung im Talk klar heraus. Begründung: In vielen Nicht-EU-Ländern vollziehe sich ebenfalls ein demografischer Wandel, wodurch auch dort der Bedarf nach Fachkräften steige. „Das Gesetz hilft uns jedoch nicht dabei, junge Leute ins Handwerk zu bekommen“, betonte er. ## Am Image des Berufsbildes arbeiten Doch was kann der Betrieb tun, um diese jungen Leute für Berufe in der K&L-Werkstatt zu begeistern? „Gerade gegenüber den Schülern und auch ihren Eltern sollten wir das Berufsbild als tollen, kreativen Job mit individuellen Fähigkeiten prägen, ein Job, mit dem man auch gutes Geld verdienen kann“, betonte Mariusz Dechnig. Denn: „Das Image unseres Berufsbildes ist noch zu schlecht“, waren sich der Fachzentrumsleiter und die Fahrzeuglackiergesellin Laura Philipp im Rahmen der Diskussion einig. Die Zweitplatzierte beim Bundesleistungswettbewerb 2019 betonte: „Es ist wichtig, Fachkräfte zu motivieren, und gerade jungen Menschen die Perspektiven aufzuzeigen, die unser Handwerk ihnen bietet.“ ## „80 Prozent der Eltern entscheiden über die Berufswahl ihrer Kinder“ Das Handwerk habe durchaus Zukunft, räumte auch Tilo Jänsch von der Potsdamer Handwerkskammer ein: „Wenn es uns gelingt, dieses Image wieder in die Elternhäuser zu bringen – denn 80 Prozent der Eltern entscheiden über die Berufswahl ihrer Kinder – sind wir einen guten Schritt weiter.“ Deshalb sei auch jeder einzelne Betriebsinhaber gefragt, sich beim Werben um Fahrzeuglackierernachwuchs aktiv einzubringen. Und auch den Aufwand zu betreiben, bestehende Fachkräfte zu behalten. Mariusz Dechnig: „Das Personal ist das höchste Gut in einem Betrieb, das gehegt und gepflegt werden sollte – und vor allem wertgeschätzt“. So seien auch Fortbildungen ein geeignetes Werkzeug, um dem Mitarbeiter seine Anerkennung auszusprechen. ## „Wir müssen die jungen Leute für unser Handwerk begeistern“ Wertschätzung ist etwas, was Michaela Müller, Geschäftsführerin eines Betriebes in Marbach am Neckar, ihren Mitarbeitern nach eigener Einschätzung bereits jetzt entgegenbringt. Sie sieht die Wurzel des Fachkräftemangels bereits bei der Nachwuchssuche und investiert daher Zeit und auch Geld in die Auszubildenden: „Es ist wichtig, die jungen Leute abzuholen, um sie für den Beruf zu begeistern“, brachte die junge Geschäftsführerin die Sache auf den Punkt. Mit coolen Sprüchen auf Postkarten präsentiere sie ihren Betrieb in den Schulen, um Nachwuchs zu werben. „Wir laden die Schüler dann auch zu uns in den Betrieb ein und lassen sie auch mal ein Auto polieren, das kommt immer gut an“, berichtete Michaela Müller dem Publikum von ihren Maßnahmen zur Azubi-Suche. Und auch die Auszubildenden nachhaltig für das
Berufsbild zu begeistern, sei wichtig. Dafür brauche es Zeit und der Azubi müsse die Möglichkeit erhalten, sich auszuprobieren: „Der Beruf soll Spaß machen. Es ist wichtig, die Azubis zu fördern, sie auch in der Kabine arbeiten zu lassen. Wenn es mal schief geht, dann ist das so.“ Zudem stellt Michaela Müller ihren Azubis mit einem Notenschnitt ab 1,5 ein Fahrzeug sowie einen Leistungsbonus zur Verfügung. „All diese Schritte sind kein Riesenaufwand und bringen uns motiviertere Fachkräfte – und auch einen Imagegewinn“, erklärt die Geschäftsführerin. In diesem Zusammenhang betonte auch ZKF-Präsident Peter Börner, dass in erster Linie die Betriebe für die Ausbildung ihrer Lehrlinge zuständig seien. "Motivation daraus erhalten die Azubis aber nur, wenn ihnen das Handwerk Spaß macht, wenn sie mit anpacken dürfen." ## Work-Life-Balance spielt immer größere Rolle Doch können sich Betriebe die gestiegenen Kosten bei der Ausbildung überhaupt leisten? Seit dem 1. Januar 2020 gilt der neue Mindestlohn für Fahrzeuglackier-Azubis. Diese sorgte im Netz auf Facebook verstärkt für Diskussion, viele Nutzer kritisierten die steigenden Kosten, die der Betrieb für Azubis aufbringen müsse. Klare Meinung dazu von Betriebsleiter Niclas Brettner: „Wenn es um unsere Mitarbeiter geht, dürfen wir nicht diskutieren. Wir sind doch überhaupt froh, welche zu haben.“ Mathias Bucksteeg gab zudem zu bedenken, dass für viele Mitarbeiter, auch im Handwerk, das Thema Work-Live-Balance eine wichtige Rolle spiele. Geld allein sei nicht immer das entscheidende Argument, um Azubis zu halten. Dem stimmte auch Niclas Brettner zu: „Fachkräftesuche hat nicht nur mit Gehalt zu tun, sondern auch mit Betriebsklima und damit, stärker auf die jungen Menschen einzugehen.“ Die Branche müsse das Handwerk attraktiver machen, war auch hier die Quintessenz der Runde. Was die Versicherungswirtschaft tun könnte, um K&L-Betrieben den Weg aus dem Fachkräftemangel zu ebnen, dazu gab Thomas Geck von der HUK Coburg in einem kurzen Video-Interview Impulse (siehe Leftbar). ZKF-Präsident Peter Börner schloss die Runde mit einem Plädoyer für die Betriebe: „Wir werden den Fachkräftemangel nicht bewältigen. Aber zukünftig werden Angebot und Nachfrage gerade in Bezug auf die Stundensätze eine noch entscheidendere Rolle spielen, weil Leute mit Know-how stark gefragt sind.“ Das letzte Wort in der Diskussionsrunde hatte der Gastgeber, Betriebsinahber Hasan Hüseyin Eren: „Meine Mitarbeiter gehören zu meiner Familie“, betonte er – und er werde auch in Zukunft alles dafür tun, damit sie sich bei ihrer Arbeit wohl fühlen. Die vollständige Diskussion können Sie [in unserem Facebook-Kanal](https://www.facebook.com/schaden.news/) noch einmal ansehen.
Ina Otto
Lesens Wert

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