2020-11-25T13:53:59+0000

BVdP: Was wollen Sie erreichen, Herr Pinto?

Investitionen in neue Werkstattausrüstung und Know-how, die Digitalisierung von Werkstattprozessen und in der Schadenkommunikation oder die Erstattung von Corona-Maßnahmen – im Exklusiv Interview spricht der neuen Geschäftsführer Michael Pinto (50) über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen in der Schadensteuerung. __Herr Pinto, Sie sind seit wenigen Wochen neuer Geschäftsführer beim BVdP. Wie sind Sie in das Amt gestartet? __ __Michael Pinto:__ Meine Aufgaben sind gerade jetzt am Anfang coronabedingt wirklich herausfordernd. Herausfordernder als es die Funktion als Geschäftsführer des BVdP ohnehin schon ist. Gerade die persönlichen Treffen fehlen mir. Es gibt ja kaum eine Möglichkeit Mitgliedsbetriebe, Kfz-Versicherer, Flotten oder Schadensteuerer tatsächlich im wirklichen Leben zu treffen, ein Großteil der Kommunikation findet in Videokonferenzen statt. Das stellt nicht nur mich, sondern das ganze Team vor Herausforderungen. Doch wir bleiben zuversichtlich. Positiv wirkt sich für mich natürlich aus, dass das Haus BVdP bestens bestellt ist. Da will ich mich auch noch einmal ausdrücklich bei Robert (Paintinger) bedanken, der den Verband und das Kernthema kooperatives Schadenmanagement in den vergangenen zehn Jahren so enorm nach vorn gebracht hat. __… wie halten Sie zurzeit Kontakt zu den Mitgliedsbetrieben?__ __Michael Pinto: __Auch die Situation ist momentan schwierig. Die Mitgliederversammlung musste erneut abgesagt werden, persönliche Treffen sind kaum möglich. Wir halten zwar Kontakt über das Web, haben virtuelle Stammtische durchgeführt, doch unsere Mitglieder würden sich einfach lieber wieder persönlich zusammenfinden. Wir machen dennoch das Beste aus der Situation, auch wenn die Drähte manchmal ganz schön heiß laufen. __Corona bestimmt derzeit zwar die Agenda unserer Branche, doch es gibt natürlich auch andere Themen. Was packen Sie jetzt an? __ __Michael Pinto: __Nach wie vor ist die Digitalisierung ein wesentliches Schlüsselthema in der Schadensteuerung. Wir denken, Digitalisierung muss richtig verstanden und angepackt werden, damit im Ergebnis die vielzitierte Win-Win-Situation für alle Player im Schadenmanagement rauskommt, also für die Werkstätten, für FLI und für die gemeinsamen Kunden. Dabei ist eines ganz klar: Digitalisierung bedeutet nicht, dass Partnerwerkstätten in Zukunft 20 Portale bedienen müssen. Digitale Lösungen müssen die Betriebe entlasten und dabei unterstützen, effektiver und rentabler arbeiten zu können und den administrativen Aufwand senken. Konkret bedeutet das zum Beispiel: Medienbrüche, Doppeleingaben, all das darf es nicht mehr geben. Das heißt, verschiedene Systeme müssen vernetzt werden, reibungslos zusammenarbeiten und Informationen müssen allen, die sie benötigen, zur Verfügung stehen. Darauf kommt es in Zukunft an. Zudem geht Digitalisierung nur, wenn die Mitarbeiter mitmachen, also das Personal in den Betrieben muss mitgenommen werden. Auf Seiten der Kfz-Versicherer, Schadensteuerer und Flotten muss Digitalisierung so verstanden werden, dass sie in die Werkstattabläufe passen, sich an der Werkstattpraxis orientiert. Darin sehen wir die Herausforderung. __Wie stehen Sie zum Thema Online-Terminvereinbarung der HUK-Coburg? __ __Michael Pinto:__ Dass der Markt Möglichkeiten einer Online- Terminvereinbarung fordert, ist klar. Aber auch diese Lösung muss so gestrickt sein, dass sie mit verschiedenen
anderen Systemen kommunizieren kann. Das heißt auch hier brauchen wir keine Insellösungen, sondern eine Verbindung zu anderen Funktionen muss via Schnittstelle möglich wird. Wenn ich die HUK-Coburg richtig verstanden habe, ist man dabei, das System so zu strukturieren, dass die wichtigen Schnittstellen schon von vorneherein dabei sind. Das wäre ein Weg in die richtige Richtung. __Innovation Group legt jetzt mit Gateway nach. Dort sollen zukünftig die Autofahrer wohl selbst seine Partnerwerkstatt auswählen können. Es werden jedoch je nach Fahrzeugmodell und notwendiger Reparaturkompetenz nur die Werkstätten angezeigt, die auch über das Know-how verfügen. Ist das nicht ein Eingriff in die freie Werkstattwahl innerhalb einer Werkstattbindung? __ __Michael Pinto:__ Wir werden uns Gateway natürlich noch einmal genau anschauen und sollte es notwendig sein, den Finger in die Wunde legen. Ich nehme aber mal ein Beispiel, das in Zukunft relevant werden wird: Wenn wir uns das Thema E-Mobilität ansehen, dann kann ich mir schon vorstellen, dass man hier selektiert. Denn es ist schon sinnvoll, dass Kompetenzen zur Reparatur von E-Fahrzeugen in der Werkstatt vorhanden sind, in die der Schaden gesteuert wird. __… das bedeutet aber auch, dass die Ausrüstung und das Know-how tatsächlich vorhanden sein müssen.__ __Michael Pinto:__ Ja, und hier liegt genau die nächste Herausforderung. Elektromobilität oder neue Antriebsmöglichkeiten instand zu setzen heißt eben auch: Der Betrieb muss umstrukturiert werden. Quarantänearbeitsplatz für verunfallte E-Fahrzeuge, die Werkstatt muss Bereich abtrennen und verliert so produktive Fläche, Ausrüstung muss angeschafft, Mitarbeiter geschult werden – das sind Themen, mit denn muss sich der Unternehmer befassen. Damit muss sich aber auch die Auftraggeber befassen, denn hier entsteht auch eine andere Kostenstruktur. Ganz klar: Die Rahmenbedingungen für die Betriebe, allem voran die Stundensätze, müssen also angepasst werden. Die Betriebe müssen investitionsfähig bleiben, um auf die steigenden Anforderungen reagieren zu können. Die Anpassung der Stundensätze ist ja ohnehin eines unserer Kernthemen, an dem wir unvermindert dran sind. __Das Corona-Jahr hat die Investitionsfähigkeit der Betriebe nicht gerade gestärkt.__ __Michael Pinto: __Die Investitionsfähigkeit der Betriebe ist das nächste Brandthema. Das Corona-Jahr wird die ohnehin bestehenden Herausforderungen noch zuspitzen. Denn in vielen Partnerwerkstätten stehen Investitionen an, sei es in die Fahrzeugdiagnose, Kalibrierungstechnik, Fahrzeugdaten oder Digitalisierung – die Betriebe brauchen Geld und müssen investitionsfähig sein, sonst klappt das auch mit den Zukunftsthemen nicht. __Bleiben wir bei Corona. Wie sieht es momentan mit der Auftragslage und der Auslastung beim Schadenmanagement und der Kfz-Reparatur aus? __ __Michael Pinto: __Die Situation ist ganz unterschiedlich: Einige Betriebe haben keinen Auftragsvorlauf mehr und nehmen die Fahrzeuge aufgrund der geringeren Auslastung direkt an. Ansonsten spüren sie von der Corona-Krise nicht viel. Der Großteil der Betriebe hat jedoch Auftragsrückgänge von 20 bis 30 Prozent und schickt seine Mitarbeiter in Kurzarbeit. Viele Unternehmer kümmern sich aber auch um ihre Auslastung. Hier werden oft andere Geschäftsfelder wie Oldtimer-Restaurierung bedient, um Mitarbeiter einigermaßen auszulasten. Auch wenn Mitarbeiter in Kurzarbeit sind, laufen betrieblichen Kosten ja weiter. Einerseits kämpfen viele Werkstätten mit einem Umsatzrückrang, andererseits müssen sie die Zukunft im Auge behalten. Das stellt Betriebe vor zusätzliche Herausforderungen. __Werden Unfallschäden momentan spürbar weniger gesteuert? __
__Michael Pinto:__ Die meisten Flotten, Versicherer und Schadensteuerer melden, sie seien vom Steuerungsvolumen her fast wieder auf Vorkrisen-Niveau. Das passt aber nicht mit den Aussagen unserer Mitgliedsbetriebe zusammen, die einen deutlichen Rückgang der gesteuerten Schäden spüren. __In den vergangenen Wochen hat der BVdP wiederholt die Erstattung von Corona-Desinfektionsmaßnahmen thematisiert. Wie ist hier derzeit der Stand?__ __Michael Pinto: __Wir sind bei diesem Thema bereits seit längerem wieder im Gespräch mit den Kfz-Versicherern, Flotten und Steuerern. Denn die Desinfektionsmaßnahmen sind zwingend erforderlich, um die Pandemie einzudämmen und schlichtweg den Betrieb aufrecht zu erhalten. Auch Partnerwerkstätten sind immer häufiger von Betriebsschließungen aufgrund von Corona-Infektionen betroffen. Auch Versicherer müssen ein Interesse daran haben, dass möglichst wenig Partnerwerkstätten in Quarantäne gehen. Denn dann stehen weniger Reparaturkapazitäten zur Verfügung. Hinzu kommt: Wenn ein Kfz-Versicherer sagt, Hygiene-Maßnahmen sind nicht erforderlich, dann stellt sich die Frage im Falle einer Infektion, wer trägt die Verantwortung für eine Betriebsschließung, die Erkrankung eines Mitarbeiters oder für einen Todesfall? __Welche Versicherer zahlen die Zusatzleistungen?__ __Michael Pinto:__ Ein Großteil der Kfz-Versicherer übernimmt die Kosten für die Corona-Maßnahmen. Wobei wir nicht so glücklich darüber sind, dass einige Versicherer hier eine Pauschale zahlen. Das Allianz Zentrum für Technik (AZT) und die Interessengemeinschaft Fahrzeugtechnik und Lackierung (IFL) haben mit ihrer REFA-Studie klar den Aufwand und die Materialien definiert: An diese 3 AW und 7,50 Euro Aufwandskosten sollte man sich unserer Meinung nach halten. __… wer zahlt nicht?__ Michael Pinto: Unsere Mitgliedsbetriebe melden immer wieder, dass sie beim Werkstattnetz SPN und vor allem der Allianz Versicherung Probleme haben. Dort wird das Thema offenbar ignoriert oder unterbewertet. Wir brauchen aber eine klare Ansage vom Versicherer: Erachtet die Allianz Versicherung eine Desinfektion nicht als notwendig oder wird Corona dort einfach ignoriert? Dann muss aber auch geklärt sein, wie der Versicherer im Falle einer Ansteckung oder Betriebsschließung vorgehen wird. Wir sind der Meinung, es muss alles getan werden, um die Infektionszahlen runter zu bringen und letztendlich Menschenleben zu schützen. __Blicken wir ins kommende Jahr: Wie geht denn der BVdP in Corona-Zeiten mit der Verbandsarbeit weiter um?__ __Michael Pinto: __Wir haben unsere Mitgliederversammlung ja coronabedingt im vergangenen Frühjahr verschoben. Wir planen nun auf jeden Fall, im Februar eine Mitgliederversammlung durchzuführen. Am liebsten als physisches Treffen, unter Einhaltung sämtlicher Schutzmaßnahmen. Alternativ ist eine virtuelle Veranstaltung im Gespräch. Natürlich möchten wir 2021 gerne wieder eine BVdP Netzwerkstatt durchführen. Es war richtig, dass wir die Netzwerkstatt in diesem Jahr abgesagt haben. Bevor wir jetzt aber einen neuen Termin planen, müssen wir abwarten wie sich Corona weiterentwickelt. Denn die Voraussetzung für das Netzwerken bedeutet für uns, sich ohne Mundschutz zu begegnen und persönlich gegenüber zu stehen. Daher werden wir die Planungen für solch eine Veranstaltung erst wieder aufnehmen, wenn klar ist, dass diese wieder weitestgehend ohne Einschränkungen möglich sind. __Vielen Dank für unser Gespräch! __
Christian Simmert