2018-06-20T13:41:45+0000

Wir stellen die Arbeitszeitvorgaben auf den Prüfstand

Erst die Mitgliederversammlung, dann das Branchentreffen: Beim Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF) trafen sich etwa 400 Teilnehmer in Wolfsburg, um über die Zukunft ihres Verbandes zu entscheiden. Es war ein historisches Treffen. Denn die Delegierten beschlossen einstimmig einen Aufnahmeantrag des Vorstandes dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) beizutreten. ZKF-Präsident Peter Börner kritisierte zudem die Rechnungskürzung und mögliche Manipulationen bei den Arbeitszeitwerten scharf. ## „Die Arbeitszeitvorgaben sind eine Katastrophe“ „Jährlich sammelt die IFL über 400 Beweise dafür, dass die Arbeitszeiten nicht stimmen“, betonte Peter Börner in seiner Grundsatzrede und im Exklusiv-Interview mit colornews.de | schaden.news. Kein Wunder, erklärte der ZKF-Präsident, die Zeiten seien ursprünglich ausschließlich für Garantiearbeiten zwischen Automobilhersteller und Vertragshändler vereinbart worden. „Auf der Übertragungskette zwischen Dienstleistern, die die Zeiterfassung per 3D-Zeichnung vornehmen und erfassen, bis in die Software der Werkstätten, gehen viele Daten verloren. Zudem werden Zeitvorgaben oft aus Vorgänger- und Vergleichsmodellen mathematisch auf das neue Modell hochgerechnet.“ Das insgesamt produziert elementare Fehler, hieß es in Wolfsburg. „Diese falschen Vorgaben werden dann den Werkstätten als Basis ihrer Kalkulation vorgeschrieben, von denen wir alle wissen, dass diese weder nachvollziehbar noch erreichbar sind.“ ## Studie soll Missstände aufdecken Peter Börner kündigte die generelle Überprüfung der Arbeitszeitwerte in einer Studie des IFL an.
„Wir haben festgestellt, dass viel administrative und Rüstzeiten in den Vorgaben nicht berücksichtigt sind. Die Arbeitszeiten sind unvollständig und unrealistisch“, unterstrich der ZKF-Präsident im Interview. „Das Konsortium des IFL mit Sachverständigenorganisationen, Datendienstleistern und der Verband der Autoversicherer haben den Auftrag gegeben eine Studie zu erstellen in der diese Missstände aufgedeckt werden.“ Nach wie vor stehe die Branche auch vor einem weiteren Problem, verursacht durch die Rechnungskürzungen der Versicherer und Prüfdienstleister. „Gemeinsam mit EUROGARANT bieten wir mit dem Dienstleistungsservice für Betriebe zwar eine effektive Lösung, doch vielen Werkstätten kosten die ungerechtfertigten Kürzungen immer noch Zeit und Nerven. Wir werden deshalb künftig verstärkt rechtlich gegen Rechnungskürzungen vorgehen“, kündigte Peter Börner an. ## Tiefgreifende Veränderungen erfordern neue Strategien In der Grundsatzrede skizzierte Peter Börner die sich bereits heute abzeichnenden Herausforderungen für Mitgliedsbetriebe und die gesamte Branche. „Die Automobilhersteller grenzen sich zunehmend vom freien Markt ab und versuchen, durch digitale Möglichkeiten den gesamten Lebenszyklus des Fahrzeuges für sich zu beanspruchen.“ Neue technische Entwicklungen und sich stark verändernde Mobilitätskonzepte würden dafür sorgen, dass sich auch das Berufsbild im Karosserie- und Fahrzeugbau sowie dem Kfz-Gewerbe noch stärker verändern wird. Hinzu käme ein dauerhafter allgegenwärtiger Fachkräftemangel. In einer engen Zusammenarbeit mit dem ZDK kann es uns gelingen, gemeinsam mehr Karosserie-Fachkräfte auf einem hohen Niveau auszubilden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Gleichzeitig steigere der anhaltende Preiskampf in der Versicherungswirtschaft den Kostendruck weiter erheblich und immer neue gesetzliche Vorgaben schränkten den Handlungsspielraum der Unternehmer ein.
„Diese dramatischen Veränderungen lassen sich besser gemeinsam bewältigen“, erklärte Peter Börner. „Mit Einsatz und Engagement wird es uns gelingen, im ZDK als vollwertiges aber eigenständiges Mitglied die Interessen der ZKF-Mitglieder zu vertreten und die Branche im Sinne der freien Werkstatt voranzutreiben. Die Eigenständigkeit des ZKF bleibt jedoch gewahrt.“ ## „Wir müssen auf den Bildschirm des Fahrzeuges“ Eine zentrale Aufgabe für die Zukunft wird die Telemetrie und die daraus entstehenden neuen Serviceleistungen rund um das Fahrzeug sein. „Uns im ZKF wird es alleine nicht gelingen, eine Telemetrie-Datenbank aufzubauen, in welche per Gesetzgebung alle Fahrzeuge ihre Zustands- und Bewegungsdaten einspielen“, betonte der ZKF-Präsident. Diese Datenbank sei aber Voraussetzung dafür, dass freie Werkstätten und damit auch Reparaturfachbetriebe künftig noch im Bewusstsein des Autofahrers vorkommen. Gemeinsam müssen wir erreichen, dass wir auf den Bildschirm des Fahrzeuges kommen.“ Auch dafür sei der Schulterschluss mit dem ZDK besonders wichtig, um politischen Einfluss auf die EU-Gesetzgebung zu nehmen und technische Lösungen zu entwickeln. ## Gemeinsam mehr bewegen „Schon heute haben wir mit dem ZDK bereits viele erfolgreiche Lösungen für unsere Mitgliedsbetriebe geschaffen“, unterstrich Peter Börner während des Branchentreffs in Wolfsburg. Dazu zählte er die Interessengemeinschaft für Fahrzeugtechnik und Lackierung (IFL), die Arbeit des Kraftfahrzeugtechnischen Institutes (KTI) sowie die Gemeinschaftsentwicklung des Multimarken- Diagnosegerätes EuroDFT. Diese Zusammenarbeit lasse sich künftig weiter ausbauen. ## Die Ressourcen der Unfallschadenreparatur werden knapp Insgesamt beschrieb Peter Börner die Auslastung in den Betrieben des Nutzfahrzeug- Neubaus, der Reparatur und Restaurierung als sehr gut.
„Wir kämpfen jedoch mit unerreichbaren Zeitvorgaben und kaum zu findendem Fachpersonal, ständig steigenden administrativen Aufgaben und anschließender Kürzung unserer Leistungen.“ Nach wie vor steige die Anzahl und Komplexität der Schäden, die Anzahl der Handwerksbetriebe und Autowerkstätten gehe jedoch zurück. „Was uns nicht gelingt, ist Angebot mit Nachfrage und Preis in Einklang zu bringen.“ Der ZKF-Präsident warnte davor, den ruinösen Wettbewerb der Versicherer und Rechnungskürzer so weiter fortzusetzen. „Wenn hier nicht umgedacht wird, dann wird sich die Zahl der Werkstätten im Verhältnis zu den Schäden deutlich verringern und die Schadenlenkungs-Branche findet zukünftig keine ausreichenden Ressourcen mehr für die Reparatur.“ Peter Börner erinnerte zudem daran, dass es einen Unterschied zwischen der EUROGARANT AutoService AG und Versicherern wie HUK-Coburg oder Schadenlenkern wie Innovation Group gebe. „Im Gegensatz zu Versicherern und Schadenlenkern hat sich EUROGARANT an Entwicklungen wie EuroDFT, repair-pedia oder IFL beteiligt und sorgt für gute Einkaufskonditionen bei Teilen und Werkzeugen.“ ## Renditedruck im Unfallreparaturfachbetrieb steigt Diese Situation und der wachsende administrative Aufwand in den Fachbetrieben erhöhen den Renditedruck auf die Werkstätten. Abzüge, Arbeitszeiten, Rechnungen und Fachkräftemangel belasten laut ZKF Branchenbericht 2017 die Branche. Der EBITDA, also der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, lag bei 4,8 Prozent: Die durchschnittlichen Stundensätze bei 98 Euro (Karosserie) und 105 Euro (Lackierung ohne Material). Insgesamt lag die Betriebsleistung der Unternehmen im Durchschnitt bei 1,6 Millionen Euro. „Dass wir immer noch Geld verdienen, wenn auch erschreckend wenig, liegt nicht an den Konditionen, sondern an unserer Kundenstruktur“, kommentierte Peter Börner die Entwicklung. Privat-, Stamm-, Industrie- und ungesteuerte Direktkunden würden wesentlich zu dem Ergebnis beitragen. „Diese Kundengruppen werden jedoch weniger, da sich das Verhältnis der jungen Generation zum Automobil ändert und immer mehr Versicherer Verträge mit Werkstattbindung verkaufen.“
## Querdenker sorgen für neue Ideen und frischen Wind Über die Zukunft des Zentralverbandes diskutieren regelmäßig junge Betriebsinhaber, die sich zum Querdenkerkreis zusammengeschlossen haben. Was bewegt die nächste Generation, wie können sich die Verbandsstrukturen ändern? Peter Börner nannte in seiner Grundsatzrede einige Themen, die die Querdenker besprechen. Ob die Abschaffung der Dreigliedrigkeit im Handwerk, Umgang mit der Tarifbindung in der Ausbildung oder Unterstützung bei der Betriebsnachfolge – die jungen Unternehmer diskutieren Zukunftsthemen ohne Tabu. Für ZKF-Präsident Peter Börner sind Querdenkerkreis und Ausschüsse des Verbandes wichtige Säulen einer lebendigen und starken Verbandsstruktur.
Christian Simmert