2026-06-03T09:57:46+0000

Solera: Sachverstand trifft digitale Transformation in Echtzeit

Bereits seit mehr als vier Jahrzehnten kommen im Rahmen der Benutzergemeinschaft von Audatex AUTOonline diejenigen aus dem Schaden Business zusammen, die Tag für Tag mittendrin in der Schadenregulierung stehen. Am 20./21. Mai 2026 kamen Kfz-Versicherer, Sachverständige, Glasspezialisten aber auch Vertreter der Automobilindustrie zur 46. BGA Tagung zusammen, um sich über neueste Entwicklungen der Digitalisierung von Schadenregulierungsprozessen und der Kostenkalkulation zu informieren. Dabei standen beim Treffen in Unterföhring bei München in diesem Jahr nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz auf der Agenda, sondern auch die neue AZT Lackkalkulation Paint Pro oder der Vergleich der Reparaturkosten von E-Autos zu Verbrennern sowie viele weitere Themen. Das Team von Solera Audatex AUTOonline um Vice President Dr. Ingo Blöink (und Sprecher der Geschäftsleitung) führte eineinhalb Tage kompetent und inhaltsstark durch das Programm – dabei gab es viel Raum für Diskussion und Austausch. ## Aktuelle Informationen über die Entwicklung im Schadenmarkt Zu Beginn der Tagung stellte Business Development Director Arben Nude und Erik Jahn (Mitglied der Geschäftsleitung) den Teilnehmern neue Branchenentwicklungen vor und lieferten konkrete Marktdaten. So sind die Arbeitszeiten für Karosserieinstandsetzung und Reparaturlackierung in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen. Nach wie vor bleiben die Schadenkosten jedoch auf einem hohen Niveau. Steigen aber nach Meinung des Experten nicht mehr so stark, wie in den vergangenen Monaten. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass die Entwicklung regional sehr unterschiedlich ist. Grundsätzlich steige jedoch die fiktive Abrechnung von Unfallschäden. Erik Jahn, der die Restwertbörse AUTOonline leitet, stellte fest: „Die ermittelten Restwerte der Totalschäden haben ihren Zenit überschritten.“ Der Abverkauf aufgekaufter Fahrzeuge gestalte sich in den letzten Monaten zunehmend schwieriger. Zudem führen die Kombination aus angewachsenem Fahrzeugpark und gestiegenem Fahrzeugalter zu immer mehr wirtschaftlichen Totalschäden (plus 14 Prozent). Bei der neuen EU-Altautoverordnung gab Erik Jahn einen vorsichtigen Ausblick. „Erst in zwei Jahren ist mit der Umsetzung zu rechnen.“ Es gebe in einigen Mitgliedsländern noch Gegenwehr aufgrund von Befürchtungen vor wachsender Bürokratie. „Dennoch sind wir als AUTOonline auf die Veränderungen vorbereitet“, unterstrich Erik Jahn. ## Herausforderungen in anderen europäischen Ländern Informationen über Entwicklungen im Schaden Business des europäischen Auslands lieferte André Hacksteen. Vor dem Hintergrund der stetig steigenden Komplexität der Unfallschadenreparatur wachsen auch die Anforderungen an die Schadenkalkulation, lautete seine Botschaft. „Die Konsistenz der Kalkulation ist entscheidend“, erklärte der Account Manager Field-Sales-Team Niederlande und fügte hinzu „Das Vertrauen in Prozesse und die Schadenregulierung an sich hängt maßgeblich von der Transparenz ab.“ In den Niederlanden hat die Schadenbranche daher einen „Round Table“ geschaffen. „Dieses Rahmenwerk geht auf die Zusammenarbeit mit Stakeholdern im Jahr 1981 zurück und wurde aktualisiert, um den heutigen Marktbedingungen gerecht zu werden.“ In diesem „Harmony Model“ werden Qualitätsstandards in der Unfallschadenreparatur definiert und sichergestellt, dass bei der Schadenkalkulation die praktische Werkstattrealität abgebildet wird. Zudem existieren strukturelle Methoden, um Arbeitszeitwerte bei Bedarf anzupassen. In dem Gremium sind Kfz-Versicherer, Leasing-Gesellschaften, Reparaturspezialisten, OEM und Importeure, Handelsverbände sowie Solera als Vermittler vertreten. Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Könnte dieser Weg ein Weg für Deutschland sein? ## Schadenkosten von E-Autos gleichen sich an Einen konkreten Einblick in Datenwelt von Solera gab Arben Ndue in Sachen Entwicklung der Schadenkosten von E-Autos. Nachdem in den vergangenen Monaten immer wieder hohe Instandsetzungskosten im Vergleich zu Fahrzeugen mit Verbrennermotor in der Kritik standen, scheint sich die Lage momentan etwas zu beruhigen. Der Solera Experte stellte für zwei Fahrzeugmodelle eine detaillierte Auswertung durch Solera Analytics vor. Im Vergleich des Peugeot e-208 vs 208 (mit Verbrennermotor) wurde deutlich, dass die Schadenfälle des E-Modells steigen, die durchschnittlichen Schadenkosten von knapp 2.500 Euro (2023) aber auf etwas über 2.000 Euro zurückgingen – und damit nach Aussage des Experten nahezu gleichauf mit den Reparaturkosten von Benzinern liegen. Allerding würde immer noch ein Unterschied bestehen, der gegenüber Dieselantrieb auch noch größer sei. Ähnlich seien die Ergebnisse der Auswertung von BMW i4 zu den konventionellen 4er Modellen. „Die Schadenfälle der E-Variante steigen deutlich im Vergleich zu den Verbrennern der gleichen Serie, mittlerweile um 33 Prozent“, erläuterte Arben Ndue und ergänzte: „Die durchschnittlichen Schadenkosten des i4 liegen 2024 und 2025 leicht über dem 4er, im Jahr 2026 aber darunter.“ Die Parität der Schadenkosten sei also bereits erreicht. ## Neue AZT-Lackkalkulation kommt 2027 Viel Zeit nahm sich die BGA-Tagung für die ausführliche Information und Diskussion der neuen AZT-Lackkalkulation, die Referent Kuddusi Yilmaz (Allianz Zentrum für Technik) vorstellte. Mehr als eineinhalb Stunden fasste der Experte die komplexen Zusammenhänge der Reparaturlackierung, wesentlichen Änderungen und Auswirkungen auf die Schadenkalkulation zusammen und machte deutlich: „Das Update der Lackkalkulation entspricht den aktuellen Erfordernissen der Lackierpraxis und wird zudem präziser und transparenter“. Das Allianz Zentrum für Technik betont: „Basis sind umfassende Zeit- und Materialstudien, die sowohl im AZT aber vor allem auch in verschiedenen Lackierbetrieben bundesweit durchgeführt und die erstmals systematisch in eine neue Kalkulationslogik überführt wurden.“ Es gibt eine Vielzahl von Veränderungen: Von zusätzlichen spezifischen Lackstufen, über Anpassung von Arbeitszeitwerten, Berechnung von Nachbearbeitungsaufwand oder optionale neue bauteilspezifische Zusatzpositionen – Kuddusi Yilmaz informierte die Teilnehmer umfassend und sehr konkret. Die Kfz-Versicherer und Sachverständigen nahmen die Vorstellung von AZT Paint Pro zum Anlass, um über viele Einzelfragen im Rahmen der Schadenbegutachtung zu diskutieren. Die Kompatibilität IFL-Liste und mögliche Doppelberechnungen wurden genauso thematisiert wie die Abrechnung zusätzlicher Tätigkeiten. Der Chef-Sachverständige einer Kfz-Assekuranz sprach gegenüber schaden.news davon, dass eine zusätzliche AW die Schadenkosten seiner Versicherung um etwa 1,5 Millionen Euro in die Höhe treiben würde. Nach Aussagen des AZT sei mit einer Erhöhung der Lackierkosten jedoch nicht zu rechnen. Allen Teilnehmern der BGA bewusst, dass aufgrund der fortschreitenden lacktechnischen Entwicklung eine Anpassung notwendig ist. Kuddusi Yilmaz betonte, dass es für das AZT besonders wichtig sei, möglichst wenig Interpretationsspielraum bei der Lackschadenkalkulation zu lassen, damit sowohl Werkstätten als auch Versicherer und Sachverständige über eine verlässliche und praxisgerechte Datengrundlage verfügen. Gerade in Bezug auf die neuen Lackstufen unterstrich der AZT-Experte, dass die Reparaturlackprozesse durch eingefärbte Klarlacke, 3-Schicht oder 4-Schicht-Lackierungen immer komplexer würden. Dieser Entwicklung trage AZT Paint Pro nun Rechnung und sorge so für mehr Transparenz. Heiß diskutiert wurde bei der Solera Tagung auch der Übergabezustand zwischen Karosserie- und Lackierabteilung sowie die Berechnung von Aufschlägen durch K&L-Betriebe beim AZT-Index 100. Das Allianz Zentrum für Technik wird künftig mit dem überarbeiteten Lackkalkulationsystem mehr Detailinformationen zu den berücksichtigten und unberücksichtigten Aufwendungen zur Verfügung stellen und fachgerechte Empfehlungen aussprechen. Eingeführt wird AZT Paint Pro im Jahr 2027 mit einer Übergangsfrist. Solera Spezialist Ralf Bahls (International Product Manager) zeigte den Anwendern während der Tagung bereits, wie eine erste Version der neuen AZT-Lackkalkulation im System Qapter integriert ist. ## Medienbruchfreier Versand der Schadenkalkulation Auch produktbezogene Neuerungen im KI-gestützten Audatex Kalkulationssystem Qapter Claims stellte Steffen Baum vor. So ist nun der zur Verfügung stehende Service Import-/ Export von Schadenkalkulationen DSGVO-konform, revisionssicher und mit einer hohen Datenintegrität möglich. Der medienbruchfreie Versand soll die Schadenregulierung weiter beschleunigen und mehr Übertragungssicherheit gewährleisten. Typische Anwendungsfälle sind dabei laut Steffen Baum vor allem der Freigabeprozess zwischen Werkstatt und Versicherer, Schadenkommunikation von Sachverständigem zur Assekuranz, bei Erst- und Zweitgutachten, im Flottenmanagement sowie für den sauberen Transfer in Werkstattgruppen und Versicherungskonzernen. ## 2.856 Fahrzeugmodelle verfügbar: Datenqualität steht absolut im Fokus Im Rahmen der Tagung informierten Dr. Ingo Blöink und Key Account Manager Jochen Ademes auch über Prozesse und Serviceleistungen von Solera am Standort Madrid. Dort sorgen hunderte Beschäftigte dafür, dass die Reparaturdaten, die von den Automobilherstellern geliefert werden, in das System von Audatex eingespeist werden. „Hier entsteht der Content, den Sie täglich in unseren Anwendungen nutzen“, erklärte der Vice President. Hohe Datenqualität und praxisorientierte Standardisierung – die Herstellerinformationen werden „erst durch die leistungsstarke Arbeit unserer Experten für Kfz-Versicherer, Sachverständige und Werkstätten nutzbar. „Auch die passende Erstellung von 2D und 3D Grafiken, die Übersetzung in verschiedene Sprachen sowie die Verknüpfung der Daten in den Systemen werden durch Solera in Spanien erstellt“, unterstrich Jochen Adames. „Bis zu 500 Stunden benötigen unsere Kolleginnen und Kollegen, um die Daten eines Fahrzeuges so aufzubereiten, dass sie nutzbar sind.“ Heute sind in Deutschland Fahrzeugdaten von 2.856 Modellen in der Schadenkalkulation verfügbar. Im Produktionsplan stehen aktuell weitere 345 Modelle, die in das System integriert werden. Um an die Fahrzeugdaten chinesischer Automobilhersteller zu kommen, hat Solera eine eigene Dependance in China aufgebaut. Nur so sei es möglich, tatsächlich die notwendigen Daten und Reparaturinformationen zu erhalten. ## Kritische Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz Beim Mega Thema KI gingen die Teilnehmer der Benutzergemeinschaft in München einen anderen Weg als bei so vielen anderen Branchenveranstaltungen. Arben Ndue konfrontierte die Sachverständigen in einem Workshop mit der harten Realität von AI-Agenten, die nicht über spezifische Kenntnisse in der Schaden Begutachtung verfügen. Das Bild eines Heckschadens an einem Tesla lud der Solera Experte in eine KI Webplattform mit dem OEM-Werkstatthandbuch und der Bitte um Erstellung einer Kosteneinschätzung hoch. Das Ergebnis war ernüchternd: Falsches Modell, eine unspezifische Reparaturkostenschätzung und immer wieder andere Ergebnisse. Das Fazit: Nur spezifische, Schadendaten basierende KI-gestützte Anwendungen bieten eine Unterstützung, bei der Begutachtung von Unfallschäden, Festlegung des Reparaturweges und der Ermittlung von Instandsetzungskosten. ## Strategische Partnerschaft mit PDR.cloud erfolgreich gestartet Zum Abschluss der Tagung schaltete Vice President Dr. Ingo Blöink live nach Berlin zum Gründer von PDR.Cloud, Josua Bücher. Bereits im vergangenen Jahr ging Solera Autdatex AUTOonline mit dem noch jungen aber in der Schadenbranche sehr erfolgreichem Systementwickler und seiner Firma eine strategische Partnerschaft ein. Dr. Ingo Blöink und Josua Bücher betonten, die Eigenständigkeit ihrer Unternehmen. Dennoch zeige sich an der erfolgreichen Kooperation, dass sich im Rahmen der Zusammenarbeit neue Lösungen für das Schaden Business entwickeln ließen. Ein Signal, dass in der gesamten Branche wahrgenommen wird.
Christian Simmert